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Auswandern: Es ist kein Urlaub – die anderen haben Urlaub

self-Logo 08.07.2024 Selina Göttler

Etwa eine Million Deutsche leben dauerhaft im Ausland. Und die Zahl derer, die darüber nachdenken, steigt seit Jahren. TV-Formate wie „Goodbye Deutschland“ machen zusätzlich auf das Thema neugierig und erreichen bis zu einer Million Zuschauer. Lange bevor „Goodbye Deutschland“ erstmals ausgestrahlt wurde, sagte Evi Wunsch „Goodbye Deutschland“. Sie lebt inzwischen seit 24 Jahren auf Mallorca, wo über 4 Millionen Deutsche jährlich ihre Ferien verbringen.

Es ist Samstag früh, neun Uhr. Auf dem Wochenmarkt in Santanyi auf Mallorca bauen noch viele Händler ihre bunten Stände auf. Taschen baumeln an langen Leinen, Schmuck glitzert in der Morgensonne, Kleidung weht im Wind. Es sind aber nicht nur hunderte von Urlaubern, die in den nächsten Stunden über den Markt des Ortes mit 12.000 Einwohnern im Südosten von Mallorca bummeln werden. Auch Evi Wunsch ist darunter. Sie ist immer so früh dort, denn spätestens ab zehn Uhr findet man keinen Parkplatz mehr und der Markt ist komplett überfüllt. Evi ist nicht auf der Suche nach einem Mitbringsel aus Mallorca, sie macht bei den Gemüse-, Obst- und Brotständen einen Teil ihres Wocheneinkaufs.

Evi lebt seit 24 Jahren dort, wo andere Urlaub machen: ein paar Kilometer entfernt von Santanyi in dem kleinen Ort s’Alqueria Blanca mit nicht einmal 1000 Einwohnern. „Auf dem Wochenmarkt bekommt man nicht nur das beste Gemüse, er ist auch eine wichtige Kontaktbörse.“, sagt Evi. „Man trifft Freunde und tauscht sich über Neuigkeiten aus“. Obwohl sie bereits seit 24 Jahren auf Mallorca lebt, hat sie in erster Linie einen Freundes- und Bekanntenkreis, der sich aus Deutschen und anderen Personen aus Europa besteht. Die Menschen auf Mallorca seien sehr höflich, aber es brauche lange Zeit, um als Ausländer integriert und akzeptiert zu werden, betont Evi.

Mit Händen und Füßen

Umso wichtiger ist es, die spanische Sprache zu lernen. Evi hat bereits vor ihrer Auswanderung in der Volkshochschule damit angefangen. „Am Anfang habe ich auch mit Händen und Füssen geredet. Übersetzungs-Apps gab es noch nicht.“ Evi besucht auch heute noch Sprachkurse, um ihr Spanisch zu verbessern. Auf der Insel leben dauerhaft circa 35.000 Deutsche. Viele, so Evi, seien aber nicht bereit oder zu bequem Spanisch zu lernen. „Gerade wenn sie älter werden, bekommen sie dann aber oft Probleme im Alltag, weil sie sich nicht mit Handwerkern oder Ärzten verständigen können. Sie sind dann immer auf Hilfe angewiesen“. Wenn ihr die Worte fehlten, hat Evi zu Beginn ihrer Zeit auf Mallorca auch vieles aufgemalt. Das fiel ihr leicht, denn sie hat Kunst studiert und hatte als Künstlerin viele Jahre lang eine umgebaute Garage als Atelier in Santanyi. Schraubenschlüssel, Schweißgerät und Motorenöl ersetzte Evi durch Ölfarben, Pinsel und Leinwände. „Da es in Santanyi damals nur zwei weitere Künstler gab, konnte ich schnell Fuß fassen. Mein Atelier stand offen, die Kunstinteressierten konnten die Entstehung der Bilder mitverfolgen, die Farbe riechen. Viele mochten diese Arbeitsathmosphäre im Vergleich zu einer Galerie, wo es meist steriler ist“, sagt Evi.

Auch hier steht man morgens im Stau

Viele Auswanderer, so Evi, unterschätzen aber, dass arbeiten im Urlaubsparadies auch alltägliche Arbeit ist. Gerade, wenn man wie viele, in einem Büro arbeitet. „Auch hier steht man morgens und abends im Stau und es fällt nicht leicht, sich bei den im Sommer heißen Temperaturen und einer hohen Luftfeuchtigkeit aufzuraffen, während die Urlauber an den Strand strömen oder Party machen. Man braucht hier eine hohe Selbstdisziplin“, betont Evi. Wie im restlichen Spanien ist es auch auf Mallorca üblich, in der Zeit zwischen 13 Uhr und 16 Uhr Siesta zu halten. Die meisten Geschäfte sind dann geschlossen und haben am Abend entsprechend länger geöffnet. Auch das, so Evi, bedarf einer Umgewöhnung. Man komme dann oft erst gegen 22 Uhr nach Hause. Selbstdisziplin sei generell ein wichtiges Stichwort, sagt Evi. „Viele Auswanderer lassen sich von der Urlaubsstimmung blenden und gehen dann keinem vernünftigen Beruf mehr nach.“ Auch wenn man in einem Urlaubsparadies lebt – man müsse sich, wie in Deutschland auch, um die normalen Dinge kümmern, Geld verdienen, den Haushalt in Schuss halten. „Man hat ganz alltägliche Sorgen und Nöte – auch wenn die Sonne scheint. Es ist kein Urlaub – die anderen haben Urlaub. Viele machen sich das nicht bewusst.“ Evi gibt daher jedem, der sich überlegt, auszuwandern, den Tipp, das Ganze sorgfältig zu planen und nichts zu überstürzen. „Ich rate jedem, vor einer so wichtigen Entscheidung mehrmals Mal Urlaub auf Mallorca zu machen, am besten nicht in Hotels, sondern in Privatunterkünften, um das alltägliche Leben besser kennen zu lernen.“ Auch eine Testphase von einem halben Jahr bis zu einem Jahr könne sehr sinnvoll sein, bevor man dann den letzten Schritt macht. „Ich kenne viele, die unbedingt auf die Insel wollten und dann nach drei bis fünf Jahren wieder zurück nach Deutschland sind. Bei Paaren war das dann oft auch ein Trennungsgrund.“

Die Wertigkeiten des Lebens ist einfach anders

Evi hat es aber nie bereut, diesen Schritt gegangen zu sein. Seit fast 25 Jahren kennt sie nun Land und Leute und sie liebt die Vielschichtigkeit der Insel – vom Gebirge über die langen Sandstrände und die kleinen Buchten bis hin zum lebhaften Zentrum in der Hauptstadt Palma de Mallorca. Meine liebste Zeit auf Mallorca sind die Wintermonate, sagt Evi. „Die Wiesen blühen kunterbunt und auch die Mandelbäume stehen in voller Blüte. Die Insel ist nicht überfüllt und man kann bei angenehmen Temperaturen lange Spaziergänge und Wanderungen machen. Man lebt viel mehr im Freien, man genießt die Sonne und die Natur. Die Wertigkeiten des Lebens ist einfach anders.“

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08.07.2024 11:25 Uhr
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