Schülerartikel

Katrin Kastenmaier, Julian Niesen, Florian Psota | Emile-Montessori-FOS | 12. Klasse | Neubiberg | 15.03.2017

Was heißt hier alt?

In dynamischen Gesellschaften ist Alter seit jeher eher negativ besetzt

Wer bestimmt, dass man alt ist? Die Rente, der Staat oder die Menschen, die von sich selbst sagen, dass sie alt sind? Ganz offensichtlich gehören dazu körperliche Erscheinungen, wie graue Haare und faltige Haut. Nicht zu vergessen Weisheit und Lebenserfahrung. Aber doch auch oft genug Starrsinn, Geiz und Gebrechlichkeit. Alles Klischees? Richtig, denn eine Definition von Alter hängt sehr von den sozialhistorischen Gegebenheiten in einer Gesellschaft ab. Ein Blick in die Geschichte kann helfen und die Antike als kulturelle Wurzelunserer heutigen, europäischen Gesellschaft kann dabei Modell stehen. Mitte des fünften Jahrhunderts vor Christus standen sich Sparta und Athen nicht nur als Konkurrenten in diversen Schlachten gegenüber, sondern unterschieden sich auch fundamental in ihren Lebensweisen. Als jahrhundertealte stabile Militärmacht galten den Spartiaten Disziplin, Tapferkeit und Ausdauer als zentrale Tugenden. „In Sparta war das ganz klar: sobald man über 60 ist, ist man alt“, wie Helga Pelizäus-Hoffmeister, Professorin an der Fakultät für Staats- und Sozialwissenschaften, betont. Dabei waren alte Männer weiterhin zentraler Bestandteil der spartanischen Gesellschaft. Denn mit zunehmendem Alter habe man auch ein steigendes Ansehen genossen. Alter galt als sozialer Wert, der unmittelbare Autorität verlieh. Den Erfahrungen und dem Wissen der Älteren wurde größtes Gewicht bei kriegerischen Akten zugewiesen. Teilweise zogen sie noch mit 70 als Feldherren in den Krieg. Dementsprechend idealisiert wurden alte Krieger dargestellt. Aufgrund der ihnen zugeschriebenen Weisheit durfte ihnen nicht widersprochen werden. Bei so einer Würdigung des Alters verwundert es nicht, wenn in der Wissenschaft von einer „Gerontokratie“, einer „Herrschaft der Alten“, gesprochen werde, so Pelizäus-Hoffmeister. Im antiken Athen hingegen, einer, so Pelizäus- Hoffmeister, „hoch dynamischen, demokratischen Gesellschaft“, die auf Fortschritt orientiert war und unter Perikles ihre wirtschaftliche, kulturelle und wissenschaftliche Blüte erlebte, wurden ältere Menschen als eine Belastung angesehen. In einer so fortschrittsorientierten Gesellschaft verspottete man alte Menschen gerne als „altes Eisen“ oder „abgetragener Schuh“, wie Pelizäus-Hoffmeister aus antiken Theaterstücken herausgearbeitet hat. So verwundere es nicht, dass „Gebrechen Auslöser für Spott waren und nicht für Mitgefühl.“ Es gab auch keine klare Altersgrenze, sondern die psychischen und physischen Schwächen galten als Kriterien. Die Lebenserfahrung der Alten war in Athen „alles Vergangenheit, alles überflüssig“, weil es nur darum ging „neue Erkenntnisse“ zu erlangen. In einer solchen altersfeindlichen Umgebung musste sogar ein Gesetz festlegen, dass „Eltern zu unterstützen sind und nicht zu misshandeln“. Eins wird aus dem Blick in die Geschichte deutlich, so Pelizäus-Hoffmeister: „Die gesellschaftliche Rahmung hat erzeugt, dass man die Alten entweder negativ oder positivgesehen hat.“Das Altersbild sagt daher nichts über das Alter an sich aus, sondern über die strukturellen Rahmungen, warum es zu solchen Altersbildern gekommen ist.“ Doch es bleibt die Frage: Was macht einen alten Menschen aus? Wie er aussieht oder wie er sich verhält? Oder eher wie fit er im Kopf ist? Ist der Eintritt ins Rentenalter wirklich eine gute Definition für das Alter oder muss das jeder für sich selbst entscheiden? Wer an dieser Stelle eine Antwort erwartet, muss leider enttäuscht werden, denn aus soziologischer Sicht liegt dem Alter keine wirkliche Essenz zu Grunde. Viel interessanter sei für Pelizäus-Hoffmeister aber, dass Altersbilder keine bloßen Vorstellungen seien, die in den Köpfen herrschen und keine Bedeutung hätten. Im Gegenteil, sie hätten eine gravierende Realität, da sie sich in unserem Umgang mit den Älteren widerspiegeln. „Eine typische soziologische Quintessenz“ räumt Pelizäus-Hoffmeister ein. Aber eine, die nachdenklich stimmt.



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