Schülerartikel

Michael Fuest, Felina Wolfbauer, Jannik Senn | Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium | 11 P-Seminar Deutsch | München | 15.02.2016

Weltreise eines Erdbeerjoghurts

Die Logistik ist die drittgrößte Branche in Deutschland

Nehmen Sie einmal den Gegenstand neben sich. Was ist es? Ein Kissen? Vielleicht die Brille, oder einfach nur ein warmer Kaffee? Wer davon überzeugt ist, dass beispielsweise am Milchkaffee außer den Kaffeebohnen alles nur aus Deutschland käme, liegt bereits bezüglich der Verpackung der Milch falsch. Das Papier des Etiketts stammt möglicherweise aus Kanada, der Leim aus den Niederlanden, die Druckerfarbe aus China. Die Kunst der Logistik verlangt also nicht nur eine Bereitstellung der richtigen Transportbedingungen, sondern auch eine erfolgreiche Zusammenführung der einzelnen Bestandteile. Doch was genau umfasst Logistik alles? Diese Frage stellt Michael Eßig, Professor am Lehrstuhl Materialwirtschaft und Distribution, den Schülern des P-Seminars „Journalistisches Schreiben“. Nur wenige Hände gehen hoch. Die Logistik scheint eine kaum bekannte Branche zu sein. Jedoch ist sie mit einem Umsatz von etwa 240Milliarden Euro im Jahre 2015 die drittgrößte Deutschlands. Logistik bedeutet, vereinfacht gesagt, Transport, Lagerung und Umschlag von Waren. Zum Beispiel Schokolade. Bei einem Verkaufspreis von 70 Cent fließen nur 24 Cent in die Zutaten und die Produktion. Die restlichen 46 gehen für Verpackung, Lagerung, Transport, Werbung, Verwaltung, Flächenenergie und Steuer drauf. Der Produzent gewinnt bei jeder verkauften Tafel Schokolade lediglich drei Prozent. A und O der Logistik ist das so genannte Supply Chain Management. Als Supply Chain bezeichnet man die Kette jedes einzelnen Lieferanten und Herstellers, die an der Produktion oder der Logistik eines Produkts beteiligt sind. Am Beispiel eines BMWs zeigen Eßig und seine Mitarbeiter, dass viele Lieferanten selbst von Tausenden kleinen Firmen beliefert werden. An einem BMW sind beispielsweise 12000Lieferanten beteiligt. Jeder von ihnen ist ein Teil dieser Produktionskette und somit Supply Chain-Mitglied. Fast jeder Alltagsgegenstand besteht aus vielen Komponenten. Ein Erdbeerjoghurt im Glas beispielsweise setzt sich aus etwa zwölf Bestandteilen zusammen. Der Mais für das Etikett stammt hier aus China, der Holzleim aus Kanada, das Aluminium aus Russland, die Erdbeeren aus Polen. So wird so ein einfaches Erdbeerjoghurt zum globalen Produkt. Doch damit ist die Reise noch nicht zu Ende. Das Produkt muss nun in unsere Regale transportiert werden. Und hier spielen wiederum eine Menge Faktoren eine Rolle. Das Joghurt muss gekühlt geliefert, bruchsicher verpackt, schnell und möglichst kostengünstig geliefert werden. Und selbst die anschließende Regalverteilung im Supermarkt ist wieder eine eigene Logistik. In einem Spiel probieren die Schüler eine komplette Logistikkette durch. Es gibt sieben statische und dynamische Stationen. Ausgangspunkt: Die Ware befindet sich im Lager und soll von A nach B. Der Lieferant hat nun die Aufgabe den Auftrag zu erfüllen. Ein Qualitätsprüfer kontrolliert die Ware. Im Lager hat der Bestandsplaner den meisten Stress. Er gibt die Aufträge heraus und muss den Überblick bewahren, wie viel im Lager noch vorhanden ist. Der Verpacker ist für die Adressierung zuständig und versieht die Ware mit dem Label. Auch dem Lagerleiter wird nicht langweilig. Er ist für den Warenein- und ausgang zuständig. Das Zeitziel pro Auftrag beträgt zehn Minuten. Eine sportliche Herausforderung. Einer der Läufer holt den Auftrag vo mKunden ab und bringt ihn von Station zu Station. Wenn die Ware kontrolliert und vom Lager herausgegeben ist, sprintet der Läufer zum Lieferanten, der die Bestellung zustellt. Ein höchst komplexer Vorgang, der zeigt, wie schnell sich hier Fehler einschleichen können. Wenn ein Glied in der Kette einen Ausrutscher macht, kommt die falsche Bestellung im Lager an. Es folgen Retouren, Korrekturen oder Ersatzleistungen. Das kostet Zeit und Geld. Und am Ende muss sich der Lagerleiter wegen falscher Bestände rechtfertigen. Bis jedes Produkt beim Endverbraucher ankommt, ist also eine exakte Zusammenarbeit kleinster Faktoren in der Logistikkette notwendig. Diese präzise Organisation, deren Anfälligkeit im Spiel zum Ausdruck kam und die ständige Optimierung der Prozesse sind Herausforderungen der Logistik. Wenn Sie jetzt den Gegenstand neben sich betrachten, fragen Sie sich vermutlich, aus wie vielen Kontinenten die Zutatenstammen und wie es das Produkt überhaupt bis zu Ihnen geschafft hat.



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