Fünf Jahre danach: Wenn eine Krankheit das Leben zerstört
Post-Covid: Die Nachwirkungen einer Corona-Infektion treffen viele Menschen weltweit sehr hart. Kinder und Jugendliche leiden besonders.
Für die meisten Menschen ist die vor fünf Jahren ausgebrochene Corona-Pandemie längst abgehakt. Doch rund 2,5 Millionen Betroffene leiden in Deutschland nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums an Post Covid. Das bedeutet: ständige Erschöpfung, Gliederschmerzen, rasende Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen, Atemnot schon bei leichter körperlicher Belastung wie beispielsweise Treppensteigen. Wenn diese Symptome nach der Erkrankung an Corona andauern, sprechen die Mediziner von Long Covid – leiden die Betroffenen nach drei Monaten noch immer unter diesen gesundheitlichen Langzeitfolgen, wird von Post Covid gesprochen.
Eine anhaltende Erschöpfung, Fatigue genannt, zählt dabei nach Angaben des größten Sozialverbands Deutschlands (VdK) zu den häufigsten Beschwerden bei Post Covid. Wenn Kinder und Jugendliche das chronische Fatigue-Syndrom, von Fachleuten Myalgische Enzephalomyelitis (ME/CFS) genannt, entwickeln, leiden sie besonders darunter. Denn die jungen Patienten können nicht mehr in die Schule oder in ihren Ausbildungsbetrieb gehen, jede kleinste Anstrengung macht sie so fertig, dass sie danach einige Tage bei abgedunkeltem Licht in ihrem Bett verbringen müssen: lernen, Hausaufgaben erledigen, Bus fahren oder mit Freunden treffen ist völlig unmöglich.
Oft ist auch schon telefonieren zu anstrengend, der Kontakt mit Gleichaltrigen entfällt damit völlig. Die meisten Tage vergehen einfach auf der Couch liegend. Um diesen Kindern zu helfen, hat das Bundesgesundheitsministerium nun 45 Millionen Euro freigegeben, um bundesweit spezialisierte Versorgungszentren nur für Kinder und Jugendliche aufzubauen.
Weder über die Ursache der Corona-Langzeitfolgen noch über die Behandlungsmöglichkeiten gibt es bisher Klarheit. Die Medizin weiß einfach immer noch zu wenig über Post Covid und wie man es effektiv behandeln könnte. Zwar wird intensiv geforscht, doch bis zu wirklich gesicherten Erkenntnissen kann es noch sehr lange dauern. Anfang Februar startete zwar ein Forschungsnetzwerk des Bundesgesundheitsministeriums und auch an den Universitäten gibt es einige Post-Covid-Zentren. Doch es stehen hunderte Menschen auf den Wartelisten dieser Zentren – obwohl sie noch nicht allzu viel für die Patienten tun können.
Interdisziplinäre Teams betreuen dort die Patienten bis zu einer fundierten Post-Covid-Diagnostik. Dann erhalten die Betroffenen – Kinder wie Erwachsene – meist den Ratschlag, „Pacing“ zu betreiben. Laut einem Interview, das die Psychologin Kathrin Finke, Leiterin des Gedächtniszentrums der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Jena, der Zeitschrift Spiegel gegeben hat, bedeutet Pacing, dass die Patienten lernen müssen, ihre Belastungsgrenzen durch Energiemanagement einzuhalten – und sich also keinesfalls überfordern dürfen. Eine auf diese Belastungsgrenze individuell abgestimmte Bewegungstherapie könne dabei sehr nützlich sein.
Doch noch immer werden Erkrankte als Simulanten abgestempelt, berichtet die VdK-Zeitung.
„Die Symptome sieht man uns eben meistens nicht an“, erzählen Betroffene in der Amberger Zeitung. Post Covid sei eben kein gebrochenes Bein. Und deshalb würden Patienten oft auch nicht ernst genommen – weder von Freunden, in der Schule, noch von Behörden oder Arbeitgebern. Doch wer an Post Covid leidet, kann eben nicht lernen oder arbeiten. Das führt auch zu enormen finanziellen bis hin zu existentiellen Problemen. Viele Betroffene haben sich deshalb zu Selbsthilfegruppen zusammengeschlossen, um gemeinsam für ihre Rechte zu kämpfen.
Soweit das eben mit verminderten Kräften überhaupt möglich ist. Meist übernehmen Familienmitglieder diesen Kampf. Denn betroffen sind immer nicht nur die Patienten, sondern auch ihr direktes Umfeld. Zusätzlich zu den finanziellen Problemen und Zukunftssorgen ändert sich auch noch das ganze Leben: Freunde oder Verwandte treffen, Ausflüge, Urlaube – alles nicht mehr denkbar. Die Yale-Professorin Akiko Iwasaki, die laut Spiegel zu den weltweit besten Immunologinnen zählt, sagt deshalb: „Diese Krankheit kann Leben zerstören.“
Es beeinträchtigt auch das Leben der betroffenen Kinder massiv. Dabei müssen sie oft zusätzlich mit Behörden und offiziellen Einrichtungen um ihre Rechte kämpfen. Erst Anfang April berichtete der Fränkische Tag über eine 14-Jährige, der das Jugendamt bislang keine Förderung für eine spezielle Fernschule oder einen Telepräsenzroboter bewilligt hat. Wie sie sich unter diesen Umständen je wieder in den regulären Unterricht eingliedern soll, ist fraglich. Ihre Zukunft ist ungewiss, sie führt ihren Kampf gegen die tückische Krankheit Tag für Tag. So wie weltweit Millionen von Menschen, für die Corona noch längst nicht abgehakt ist – und vielleicht auch nie sein wird.