Barbie-Rechner und Schach-PC
Die Bundeswehruniversität in Neubiberg beherbergt ein Museum, in dem die rasante Entwicklung des Computers bis hin zum Smartphone dokumentiert wird.
Um die „datArena“ auf dem Bundeswehr-Gelände in Neubiberg zu besuchen, braucht es eine Führung. Einerseits ist sie nicht frei zugänglich, andererseits würde man sie glatt übersehen: Das Gebäude wirkt zwar unscheinbar, beheimatet aber ein Museum zu den letzten 80 Jahren der elektronischen Datenverarbeitung. Hier werden alte Computer und Softwares gesammelt, gewartet und gepflegt. Darunter sind nicht nur Technologien für die Arbeit, sondern auch Spielautomaten wie Flipper, ein Barbie-Computer für Kinder und alte Computerspiele, die sich durch ihren einmaligen Acht-Bit-Sound auszeichnen, wie zum Beispiel „Donkey Kong“. Dort steht auch ein Schachcomputer, der aus der DDR stammt und zumindest in Ostdeutschland als leistungsstärkster PC galt. Er war jedoch nur zum Export bestimmt.
„Das Handy ist nicht vom Himmel gefallen, sondern das Ergebnis einer 80-jährigen Entwicklung“, sagt Michael Brauns, Pressesprecher der Universität der Bundeswehr München in Neubiberg. Dass er damit recht hat, wird schnell klar, wenn man durch die vielen Ausstellungsräume mit unzähligen historischen Computern und Softwares der „datArena“ geführt wird. Denn die Entwicklung bis zum Smartphone war ein langer und vor allem forschungsreicher Weg.
Die historischen Rechner und Programme der „datArena“ ermöglichen es, alte Datenbestände zu retten, wiederherzustellen und zu übertragen, damit sie auch in Zukunft noch abrufbar sind. Das können die verschiedensten Daten sein, wie beispielsweise eine Umfrage aus den 60er-Jahren unter Kirchenmitgliedern der Erzdiözese Köln oder die Wiederaufbereitung von Messergebnissen des Freistaats Bayern nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl. Eine solche Einrichtung ist in Deutschland einmalig.
All diese Rechner werden hier seit den 70er-Jahren gesammelt und vom Vintage Computing Lab (VCL) instandgehalten, dem Nachfolger des Computermuseums München und Kooperationspartner der Universität der Bundeswehr. Die Motivation, eine solche Sammlung zu starten, kam unter anderem von John Zabolitzky, Gründer und langjähriger wissenschaftlicher Leiter der „datArena“. Gemeinsam mit anderen Mitarbeitern des VCL hat er selbst an den Geräten gearbeitet und wollte sie aus nostalgischen Gründen und persönlichem Interesse erhalten. Außerdem wollten die Mitarbeiter weitere Forschung betreiben und neue Entwicklungen in diesem Bereich der Technologie möglich machen.
In der „datArena“ wird der Unterschied zwischen damals und heute deutlich: Je weiter man in die Jahre zurückgeht, desto größer werden die Speichermedien und desto kleiner die Kapazität. „Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir eine Rechenleistung auf dem Handy nutzen, die früher Millionen gekostet hätte“, sagt Zabolitzky. So ist der Rechner „Cyber960“ eines von vielen Beispielen seiner Zeit, denn er ist groß wie ein Schrank, hat aber nur ein Tausendstel der Speicherkapazität eines Handys. Die Ersatzteile für Computer hatten damals teilweise einen verbauten Goldwert von circa 500 000 Euro und sogar ein kleinerer PC mit zwei Festplatten lag im Preisbereich einer Mercedes-S-Klasse.
Zabolitzky geht im Verlauf der Führung noch einmal genauer auf die Entwicklung der Datenverarbeitung ein: Die Auswertung von Daten sei keineswegs erst seit dem 20. Jahrhundert betrieben worden – die Menschen sammelten bereits seit der Antike Daten, so Zabolitzky. Damals seien diese allerdings auf Steintafeln notiert worden.
Um Informationen auf elektronischen Geräten zu speichern, wurden bis zu den 70er-Jahren Lochkarten genutzt. Entwickelt wurden sie in dieser Form 1889 vom deutsch-amerikanischen Unternehmer Herman Hollerith. Als erste maschinelle Speichermedien funktionierten sie mit binärer Kodierung: Die Informationen waren also als null oder eins mit einem Loch oder eben keinem markiert. Die Methode, auf diese Art Dateninformationen für Rechner lesbar zu machen, war so wirksam, dass sogar noch heute moderne Computer mit binärer Kodierung arbeiten. Mit den Lochkarten funktionierte auch der älteste Rechner der gesamten Ausstellung: der IBM-Röhrenrechner (IBM Electronic Processing Machine) aus dem Jahr 1955. Dieser füllt ein gesamtes Ausstellungszimmer und lief rund 20 Jahre.
Von 1965 an existierten Speicherplatten, die zwar sehr groß waren, aber immer noch nicht besonders viele Informationen speichern konnten. Das waren nur drei Mega-byte pro Seite – die Speicher von modernen Smartphones umfassen bis zu etwa 40 000 Mal so viel. Daraufhin wurde bis 1983 an einer größeren Speicherkapazität gearbeitet: Ein Gigabyte entspricht 1000 Mega-byte. Das entsprechende Medium war am Ende so groß wie ein amerikanischer Kühlschrank.
Neben historischen Großrechnern und Computern finden sich auch informative Schautafeln in der „datArena“, die über Pioniere auf dem Feld der elektronischen Datenverarbeitung berichten, wie die amerikanische Informatikerin Grace Hopper, die in den 40er-Jahren erstmals den Binärcode – die Nullen und Einsen – in eine verständliche Sprache übersetzte. Auf einer anderen Tafel steht der Unternehmer Seymour Cray, der einen großen Teil zur Entwicklung von leistungsstarken Rechnern beitrug. Mit seinen innovativen Technologien könne er ein Vorbild sein, sagt Zabolitzky: „Wenn Sie viele neue Ideen haben, können Sie weltberühmt und Milliardär werden. Glück gehört aber auch immer dazu.“ Denn auch das soll die „datArena“ seiner Aussage nach bewirken: junge Menschen zum Forschen an neuen Technologien animieren.
Am Ende des Rundgangs wandert der Blick noch einmal über die vielen, riesigen und alten Datenspeicher, die im Laufe der Forschung zur Digitalisierung entstanden sind. Im Kontrast dazu steht die moderne „datArena“ als Beispiel dafür, wie weit die Technik bis heute vorangeschritten ist und welch langer Weg hinter dieser Entwicklung liegt. Der Besuch zeigt, wie entscheidend und auch interessant es ist, digitale Daten zu bewahren und sich mit der Historie von Technik auseinanderzusetzen. Die „datArena“ beeindruckt nicht nur durch ihre moderne Infrastruktur, sondern auch durch ihr Ziel: Wissen und Geschichte zur Datenverarbeitung für die kommenden Generationen zu sichern und einen Weg in die Zukunft zu weisen.