Gedenkstätte Hohenschönhausen– ein Ort voller Zeitgeschichte
Wir betreten das Gebäude, folgen unserem Gruppenleiter über den Originalboden des ehemaligen Stasi-Gefängnisses weiter in die Gänge dieses beklemmenden Ortes. Irgendwo fällt eine Zellentür ins Schloss. Das Geräusch durchbricht die Stille schlagartig. Alle sind ruhig. In der Luft liegt eine seltsam bedrückende Atmosphäre, welche wir alle verarbeiten und einordnen müssen. So was sieht man ja nicht alle Tage.
Ich sehe, wie auch meine Mitschülerinnen und Mitschüler sich gespannt und neugierig umschauen, während wir unserem Gruppenleiter folgen, welcher bereits damit begonnen hat, uns in die Geschichten dieses Ortes einzuweihen. Wir sind in der Gedenkstätte Hohenschönhausen im Berliner Stadtteil Lichtenberg. Während unserer Abschlussfahrt in der 10. Klasse besuchen wir die eindrucksvolle Gedenkstätte, von der die meisten von uns vorher noch nie etwas gehört hatten, die wir aber alle nicht so schnell vergessen werden.
Wenn Gegenstände sprechen könnten
Das Stasi Gefängnis Hohenschönhausen war als zentrale Untersuchungshaftanstalt der deutschen demokratischen Republik (DDR) Teil eines streng geheimen Sperrgebiets, umgeben und abgeschirmt durch 4 m hohe Mauern mit Stacheldraht, Wachtürmen und bewaffneten Soldaten.
Auf den Stadtplänen wurde das Sperrgebiet als Leerfläche dargestellt und so geheim gehalten.
Die Anlage, die ursprünglich als Industriebau begann, wurde nach 1945 zum sowjetischen Speziallager Nummer drei, bevor sie das Ministerium für Staatssicherheit übernahm. Heute ist es eine Gedenkstätte, in der sich Vieles noch im Originalzustand befindet. Die hohen, grauen Mauern mit den Wachtürmen stehen genauso wie die Hoflampen immer noch an den gleichen Stellen, wie zu der Zeit, als viele Menschen hier gefangen waren.
Auch im Gebäude sind noch viele Gegenstände und Details wie früher. Man hat das Gefühl, das Gebäude erzählt Geschichten. Die Gegenstände scheinen mit uns sprechen zu wollen und von den Dingen erzählen zu müssen, die sie hier erlebt haben. Das ist wohl ein Grund für die eingangs beschriebene bedrückende Atmosphäre, die alle hier verspüren.
Man sieht die alten Alarmsysteme, die Lampen und das Ampelsystem, welches Begegnungen zwischen Häftlingen verhindern sollte. Wir sehen Zellen mit Original-Holzbetten und Räume mit Original-Hockern, auf den die Inhaftierten nächtelang verhört wurden, wie uns der Leiter unserer Führung eindrücklich berichtet.
Ein schwer einzuordnendes Gefühl liegt in der Luft.
In den Originalzellen bröckelt etwas Putz von den Wänden und die Türen haben auch schon Risse, die Schränke und Schreibtische in den Räumen, sind aber fast noch alle intakt. Hier gibt es sogar eine Gummizelle, ein Wort, das uns Schülerinnen nur aus albernen Späßen bekannt ist – aber hier gibt es sie wirklich. Es war die Zelle, mit der die höchstmögliche Stufe der Isolation vollzogen wurde, wenn Inhaftierte z. B. nicht geständig waren. Um Selbstverletzungen zu verhindern, war diese Zelle mit Gummiwänden gepolstert. Auch in diesem Raum sind einige von uns reingegangen.
Man kann sich nur annähernd vorstellen, wie fürchterlich und grausam die Inhaftierung in diesem Staatsgefängnis gewesen sein muss, ein bedrückendes Gefühl.
Hohenschönhausen – das ehemalige Stasigefängnis
Das Gebäude, das 1938 als Großküche der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt genutzt wurde, war von 1945 bis 1989 für ca. 40.000 Inhaftierte zum Ort des Albtraums und der Angst geworden. Nach dem Kriegsende machte die sowjetische Besatzungsmacht aus der Großküche zunächst das Speziallager Nr. 3, eines von 10 Lagern in der Besatzungszone. In dem Speziallager wurden vor allem politische Häftlinge gefangen gehalten. Kurze Zeit später (1946) wurde das Speziallager aufgelöst und zu einem offiziellen Gefängnis der sowjetischen Geheimpolizei umfunktioniert.
Die Häftlinge wurden „benutzt“, um das Gebäude auszubauen, mussten also an ihrem eigenen Gefängnis mitarbeiten; so entstand u.a. der unterirdische Gefängnistrakt, der auch U-Boot genannt wird. Diese Bezeichnung ist auf die fensterlose Isolierung der Zellenbewohner in diesem Trakt zurück zu führen: Als Inhaftierter in diesem Trakt kriegte man nichts von der Außenwelt mit und hatte keine Möglichkeit soziale Kontakte zu pflegen.
Die Zellen waren unbeheizt und nur mit einem Holzbett ausgestattet. Den Inhaftierten war es nicht erlaubt sich tagsüber hinzulegen. Da die stundenlangen Verhöre aber meist nachts stattfanden, führte dieses Verbot zu starkem Schlafentzug bei vielen Insassen. 1951 übernahm das Ministerium für Staatssicherheit (Stasi) die Leitung und machte aus dem Gefängnis eine Untersuchungshaftanstalt für Regimegegner.
Die Stasi wurde im Februar 1950 gegründet und sie existierte bis zum Mauerfall 1989. Sie war der Geheimdienst der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und hatte die Aufgabe, die Menschen zu überwachen, Kritiker des Regimes zu unterdrücken und die Macht der Partei zu sichern Die Stasi arbeitete „im Geheimen“ und hatte ein riesiges Netz aus inoffiziellen Mitarbeitern und Stasi-Spitzeln. Sie wurden IMs (inoffizielle Mitarbeiter) genannt. Die Stasi ließ Verhöre durchführen, unterdrückte Menschen und führte eigene Gefängnisse, wie das in Hohenschönhausen.
Später wurden dort auch Menschen gefangen gehalten, die aus der DDR zu flüchten drohten. Viele Inhaftierte wussten nicht einmal wo sie waren. Sie wurden völlig isoliert und entwürdigend behandelt, indem sie zum Beispiel nicht mehr mit ihren Namen angesprochen wurden, sondern mit ihren Zellennummer. Das waren alles kleine, aber sehr grausame Strategien der Entmenschlichung, die darauf abzielen den Willen der Gefangenen zu brechen. In tagelangen Verhören wurden die Häftlinge schikaniert und gefoltert bis sie gestanden. Dabei wussten sie nicht mal was genau ihn vorgeworfen wurde. Die Verhörmethoden waren jedoch sehr effektiv: Durchschnittlich führten 80% der ersten Vernehmungen bereits zu Geständnissen.
Wenn man das alles weiß, dann hat man das Gefühl, das Leid der Inhaftierten in der heutigen Gedenkstätte zu spüren; es geht einem förmlich unter die Haut.
Schicksale
Wenn man zum Beispiel mit einem Freund darüber geredet hat, dass man das Land verlassen will, konnte es gut sein, dass am nächsten Tag zwei oder drei Stasiagenten vor der Tür standen, die einen dann in ein kleines „unauffälliges Auto“ einluden und fortfuhren. Die Gefangenen kamen dann völlig verschreckt und mit völliger Orientierungslosigkeit in Hohenschönhausen an, ohne zu wissen, was vorgefallen ist, warum man verschleppt wurde und was mit einem passieren würde. Familien wurden auseinandergerissen: Wo ist der Ehepartner oder die Ehepartnerin? Wie geht es den Kindern? Was geschieht jetzt mit ihnen? Man fühlte sich überwacht und hilflos. Es waren fürchterliche psychische und physische Qualen, die mit der Gefangennahme einhergingen. Was danach in der Haftanstalt Hohenschönhausen geschah, kann man bei einer Führung erfahren, die u. a. von ehemaligen Inhaftierten angeboten werden. Menschen zu begegnen, die an diesem Ort gefangen gehalten wurden und von ihren Erlebnissen erzählen, ist eine eindrucksvolle Erfahrung, die ich vorher in dieser Form noch nie erlebt habe. Sie erzählen davon, wie sie von der Außenwelt abgeschnitten waren, wie sie nach und nach ihrer Namen beraubt wurden, von der vereinheitlichenden Haftkleidung, von Isolationshaft und dem Alarmsystem und davon, wie Geständnisse erzwungen wurden. Sie berichten von lauter Dingen, von denen wir uns nicht vorstellen können, dass sie vor gar nicht langer Zeit an diesem Ort, an dem wir heute stehen können, passiert sind.
„Denkt kritisch!“
Berlin ist eine Stadt der Gegensätze. Einerseits faszinierend und voll bunter Lebensfreude, und Schauplatz schrecklicher historischer Ereignisse andererseits. Gedenkstätten wie die in Hohenschönhausen sind enorm wichtige Orte. Unsere Gesellschaft und unser Leben waren nicht immer so, wie sie jetzt sind, und es ist wichtig darüber Bescheid zu wissen, welchen Preis Freiheit und Demokratie immer wieder von den Menschen eingefordert haben. Und auch heute gibt es Tendenzen und Ereignisse, die Demokratie bedrohen. In Hohenschönhausen wird einem dies vor Augen geführt. Die Tatsache, dass es ehemalige Inhaftierte selbst sind, die davon berichten, was sie erlebt haben, macht auf erschreckende Weise deutlich, wie „nah“ das alles noch ist. Der Bericht durch Zeitzeugen macht die Geschichte viel nahbarer und erlebbarer. Ich empfehle diese Eindruck hinterlassende Führung durch Hohenschönhausen jedem weiter. Bei der Führung durch die Gedenkstätte in Berlin wurden wir mit folgenden Worten verabschiedet: „Wen hat die Stasi gefangen genommen? Wen sahen sie als größte Bedrohung für die Macht der Partei? Kritisch Denkende Personen. Bleibt also die größte Waffe der Demokratie und denkt immer kritisch!“