Ein Griff zum Handy und die Welt ist da
Soziale Medien gehören heutzutage zu den wichtigsten Dingen im Leben von Jugendlichen. Auch für mich – ich bin täglich auf Social-Media-Plattformen unterwegs, chatte mit meinen Freunden, lerne neue Freunde kennen, bleibe in Kontakt. Mit meinem Handy hole ich mir die Welt nach Hause. Und ich stehe damit nicht allein da.
Die JIM-Studie-2025 vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest zeigt, dass Plattformen wie Instagram, Snapchat, TikTok oder YouTube täglich genutzt werden, wobei WhatsApp die wichtigste App zu sein scheint. Diese Plattformen werden zur Kommunikation, zur Unterhaltung und zur Informationsbeschaffung benutzt. Sie helfen den Nutzern soziale Kontakte zu knüpfen, Zuspruch zu erhalten und ihr Leben mit lustigen Videos oder Fotos zu teilen. Auf diesen Plattformen können sie andere Bilder sehen, bewerten, lustige Emojis/ Sticker/Gifs schicken oder mit Gleichaltrigen chatten. Diese intensive Nutzung hat jedoch starke Auswirkungen auf das Verhalten, das Selbstbild und die mentale Gesundheit vieler Jugendlicher.
Jugendliche verbringen laut der Studie mehrere Stunden pro Tag in sozialen Netzwerken. Im Alter von 12-13 Jahren benutzen sie 166 Minuten pro Tag ihr Handy, 14–15-Jährige 217 Minuten pro Tag. Bei den älteren Gruppen der Jugendlichen sieht man wie die Nutzung pro Tag ansteigt, je älter man wird. Dies liegt bei 16-17 Jährigen bei 249 Minuten pro Tag und bei 18–19-Jährigen 287 Minuten pro Tag. Was man auch in der Studie erkennt, ist das Mädchen durchschnittlich mehr Social-Media benutzen als Jungen.
Eine große Vorbildfunktion haben besonders Influencer. Rund 84 Prozent im Alter von 16-19 Jahren sehen diese als Nachrichtenquelle. Bilder und Videos der Influencer zeigen häufig eine übertriebene, „perfekte“ Darstellung von Körpern, Lebensstilen und Erfolgen. Studien weisen darauf hin, dass der ständige Vergleich mit diesen Inhalten das Selbstwertgefühl von Jugendlichen rapide verschlechtern kann. Vor allem bei Jugendlichen kann es dazu führen, dass sie unzufrieden mit ihrem Aussehen oder ihrem Lebensstil sind, da sie gerne so ein Leben hätten wie diese es ihnen vorleben.
Ein neuer WHO-Bericht zeigt die „Notwendigkeit für gesündere Online-Gewohnheiten unter Jugendlichen“ auf. Die Daten deuten darauf hin, dass mehr als 11 Prozent der Jugendlichen problematisches Verhalten zeigen, Schwierigkeiten haben, die Nutzung sozialer Medien zu kontrollieren und mit negativen Auswirkungen zu kämpfen haben. Ein weiterer Aspekt ist die Bedeutung von Likes, Followern und positiven Kommentaren. Diese Funktionen können das Bedürfnis nach Anerkennung verstärken. Sollte die Außenwelt nicht wie erwartet reagieren, kann das Frustration und Unsicherheiten auslösen, was sich nicht positiv auf die Entwicklung eines Jugendlichen auswirkt. Die Gefahr besteht darin, dass sie sich darüber definieren, wie viele Zusprüche, Likes, Kommentare oder Follower sie haben.
Der Zeitfaktor spielt auch eine große Rolle. Durch die intensive Nutzung verschiedener digitaler Plattformen kann es zu Konzentrationsschwächen, Schlafmangel und Vernachlässigung schulischer Aufgaben kommen. Viele Jugendliche nutzen ihr Handy bis spät in die Nacht, wodurch sich die Schlafqualität verschlechtert. Dadurch entsteht ein Risiko für die körperliche und geistige Entwicklung. Ein Artikel der Frankfurter Rundschau besagt, dass Kinder, die sehr oft in sozialen Netzwerken unterwegs sind, Anzeichen von Konzentrationsschwäche zeigen. Zudem wird dort beschrieben, dass steigende Nutzungsdauer ADHS-Fälle erhöhen könnte. Rechnet man das auf heutige Zahlen hoch, könnte der Anteil von 11 auf rund 14 Prozent steigen.
Bekannte von mir sind selbst von ADHS betroffen. Sie berichten, wie die häufige Nutzung von Social-Media ihnen das Konzentrieren erschwert. Es lenkt sie stark ab, besonders beim Lernen für Klausuren oder Hausaufgaben, weil ständig weitere Nachrichten, Anrufe oder Posts auftauchen. Bei ADHS fällt es oft schwer, sich auf zwei Dinge gleichzeitig zu konzentrieren, weshalb manchmal die eine, „lästigere“ Sache vernachlässigt wird und man sich stärker auf die Online-Plattformen fokussiert. Zudem haben diese Personen häufig Schlafprobleme, weil sie es oft nicht schaffen, ihr Handy wegzulegen; so schlafen sie oft nur zwei bis drei Stunden, was an normalen Schultagen zu Müdigkeit und Konzentrationsverlust führt und somit. Das wirkt sich oft negativ auf ihre schulischen Leistungen aus.
Ein weiteres ernst zu nehmendes Problem ist Cybermobbing. Rund 11 Prozent der Jugendlichen in Deutschland im Alter von 14 bis 15 Jahren haben bereits Erfahrungen mit Cybermobbing in Form persönlicher Beleidigungen gemacht, so die Studie von Statista, einer digitalen Plattform, die sich mit solchen Zahlen beschäftigt. Beim Cybermobbing werden gezielt Hasskommentare an eine Person adressiert. Die Hauptursachen sind der Wunsch nach Macht, Anerkennung, Langeweile, Rache oder Gruppenzwang. Meistens sind die Mobber nicht nur eine Person, sondern eine Gruppe von Menschen die sich zusammentun um eine Person „runterzumachen“. Opfer berichten oft von mentalen Schäden und sogar einem gestörten Selbstbild. Als Opfer sollte man die Täter blockieren, die geschriebenen Kommentare - so gut es geht - ignorieren oder in besonders schlimmen Fällen zur Polizei gehen und diese melden. Cybermobbing zeigt, wie toxisch diese Social-Media-Welt ist. Denn wenn man anders ist und nicht in das Verhaltens- oder Schönheitsideal der Welt passt, bekommt man häufig abwertende Kommentare oder Nachrichten.
Um das Ganze aus der Sicht eines betroffenen Jugendlichen zu schildern, habe ich Angelina (16) aus dem elften Jahrgang einer hannoverschen Schule befragt. Sie erzählt mir, dass auch bei ihr Social-Media eine große Rolle spielt: „Morgens stehe ich auf und das Erste, was ich mache, ist ans Handy zu gehen und zu schauen was passiert ist, während ich offline war. Meistens schreibe ich dann noch kurz mit meinen Freunden oder sehe mir TikTok an, bevor ich mich fertig mache und zur Schule gehe.“ Auch nach der Schule sei TikTok und Snapchat besonders präsent: „Wenn ich nach Hause komme, besonders freitags, schreibe ich meinen Freunden über Snapchat, was sie heute vorhaben und ob wir uns treffen wollen. Bevor ich mich mit meinen Freunden treffe, mache ich manchmal auch noch ein TikTok und poste es in meine enge Freunde-Story. Auch in der Bahn schaue ich oft TikToks, höre Musik oder gucke, was auf Instagram gepostet wurde.“
Viele Jugendliche schreiben heutzutage nicht mehr über normale Messenger wie WhatsApp oder normale Nachrichten; sie kommunizieren vor allem über Snapchat oder Instagram, weil dort die meiste Zeit verbracht wird. Angelina erzählt außerdem, wie sie mit Selbstzweifeln zu kämpfen hat und welche Auswirkungen diese „perfekte“ Social-Media-Blase auf sie hat: „Ich sehe schon oft auf TikTok wie perfekt und schön manche Mädchen in meinem Alter sind und welchen Zuspruch sie für ihr makelloses Aussehen bekommen. Das macht mich manchmal wirklich fertig. Ich gönne ihnen nicht, dass sie so aussehen, sondern frage mich eher, warum ich selbst nicht so aussehe und wieso ich nicht denselben Zuspruch bekomme.“
Natürlich gibt es nicht nur positive Kommentare; insbesondere auf TikTok, aber auch auf Plattformen wie Instagram und Snapchat, gibt es viel Hate. Angelina selbst hat bislang noch keine richtigen Hassnachrichten erhalten. „Ich habe jetzt zum Glück keine Hassnachrichten bekommen. Natürlich wird hinter meinem Rücken geredet, aber das interessiert mich meistens nicht“, sagt sie. „Trotzdem sehe ich häufig Hass unter Posts von vielleicht weniger perfekten Menschen. Da beziehen sich die Kommentare oft auf das Aussehen. Manchmal fühle ich mich dadurch schlecht, weil ich dieselben Probleme habe und daran erinnert werde, wie andere darüber denken.“
Soziale Medien bieten aber auch Chancen. Sie ermöglichen den Austausch über große Entfernungen hinweg, fördern kreative Ausdrucksformen und bieten Zugang zu Informationen. Jugendliche können sich zu diversen Themen äußern und gleich gestimmte finden. Entscheidend ist daher ein reflektierter und kontrollierter Umgang. Experten empfehlen, Jugendliche im Umgang mit sozialen Medien zu begleiten. Medienkompetenz, feste Nutzungszeiten und offene Gespräche im familiären und schulischen Umfeld können dazu beitragen, negative Auswirkungen zu reduzieren. Soziale Medien sind ein fester Bestandteil der Lebenswelt Jugendlicher – ihr Einfluss hängt maßgeblich davon ab, wie sie genutzt werden.