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Riwne - die Stadt, die in mir bleibt

self-Logo 16.02.2026 Diana Krol, Ricarda-Huch-Schule Hannover

Am Morgen ist der Weg zur Schule kurz, aber nie ganz gleich. Zwischen den Häusern führt eine Straße direkt Richtung Zentrum und schon früh bewegen sich Menschen durch die kalte Luft. Vor dem Einkaufszentrum öffnen langsam die ersten Geschäfte. Die Türen gehen auf und wieder zu und für einen Moment fällt warmes Licht auf den Gehweg. Autos warten an der Ampel, jemand hält einen Kaffee in der Hand, andere gehen schneller, weil es noch kühl ist. Manche bleiben kurz stehen und schauen auf ihr Handy, bevor sie weitergehen. Die Stadt wirkt nicht groß, aber sie ist immer wach. Ich wohne nur wenige Minuten von meiner Schule entfernt. Deshalb kenne ich jede Ecke dieses Weges. Ich weiß, wo der Asphalt uneben ist und wo man schneller über die Straße gehen kann. Neben der Straße liegt der Park. Im Sommer hört man dort Fahrräder und Stimmen, Musik aus Handys. Kinder laufen über die Wege und auf den Bänken sitzen Menschen und reden. Verkäufer öffnen kleine Stände und jemand führt einen Hund spazieren. Im Winter dagegen wird alles ruhiger. Die Bäume stehen dunkel im Schnee und sogar die Geräusche der Autos klingen gedämpft. Die Schritte werden langsamer und man hört mehr den Wind als die Straße. Heute wirkt Riwne wie eine gewöhnliche ukrainische Stadt. Doch ihre Geschichte ist älter, als man im Alltag merkt. Im Laufe der Jahrhunderte gehört die Stadt zu verschiedenen Staaten, zuerst zu Litauen, später zu Polen. Unterschiedliche Kulturen leben hier zusammen und viele Spuren davon bleiben im Stadtbild, auch wenn man sie nicht sofort erkennt.

Manche Straßen verlaufen noch wie früher, auch wenn die Gebäude neu sind. Während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg wird die jüdische Bevölkerung der Stadt fast vollständig ermordet. Heute erinnert im Alltag wenig daran, doch diese Vergangenheit gehört weiterhin zu Riwne. Nach dem Krieg wird die Stadt Teil der Sowjetunion. Viele Gebäude entstehen neu und so bekommt das Zentrum sein heutiges Aussehen. Breite Straßen und große Wohnhäuser prägen bis heute das Bild der Stadt und vieles wirkt deshalb vertraut und gleichzeitig anonym. Nach dem Unterricht gehen wir selten sofort nach Hause. Wir laufen langsam weiter, bleiben an der Kreuzung stehen oder drehen noch eine Runde durch den Park. Niemand hat es eilig. Manche schauen auf ihre Handys, andere beobachten einfach die Menschen im Zentrum. Wir sprechen über Lehrer, über den nächsten Schultag oder über Pläne für den Nachmittag. Manchmal gehen wir schweigend nebeneinanderher. Die Zeit vergeht ruhig, ohne dass wir darauf achten. Am stärksten erinnere ich mich an die Winter. Oft schneit es nachts und am Morgen sieht alles neu aus. Die bekannte Straße ist plötzlich heller, Autos bewegen sich langsamer und unsere Schritte knirschen laut im Schnee. Nach der Schule lege ich meine Tasche nur kurz ab und gehe wieder hinaus. Jeder kleine Hügel wird zu einer Rodelbahn. Unsere Handschuhe sind nass, die Finger kalt, aber niemand will als Erster nach Hause gehen. Im Winter bleiben wir besonders lange draußen. Der Schnee knirscht unter den Schuhen, der Atem wird in der Luft sichtbar und die Straßenlaternen spiegeln sich auf dem weißen Boden. Einer versucht den Hügel hinunterzurutschen, ein anderer stapft durch den tiefen Schnee. Wir lachen, bewegen uns ständig weiter und merken nicht, wie spät es schon ist. Während wir spielen, läuft das normale Leben weiter. Busse fahren durch das Zentrum, Menschen kaufen Brot, ältere Leute gehen denselben Weg wie jeden Tag. Aus einigen Fenstern hört man Stimmen oder Fernsehen. Riwne ist nie hektisch - eher ruhig und gleichmäßig.

Vielleicht bemerkt man deshalb lange nicht, wie sehr man an diesen Rhythmus gewöhnt ist. Erst als ich wegziehe, beginne ich die Stadt zu verstehen. In einer neuen Umgebung merkt man plötzlich, wie viel man früher automatisch weiß: Wie lange ein Weg dauert, wann es abends still wird und wie Menschen miteinander sprechen. Kleine Dinge, die man früher nicht beachtet, werden plötzlich wichtig. Mit der Zeit verstehe ich, dass ein Ort nicht verschwindet, wenn man ihn verlässt. Er verändert sich, in der Realität, doch in der Erinnerung bleibt er in Bewegung.

Heute sehe ich andere Städte, andere Straßen und andere Wege. Alles funktioniert, alles ist neu, aber nichts fühlt sich so vertraut an. In Riwne musste ich nie überlegen, wohin ich gehe - ich wusste es einfach. Viele Jahre später kann ich den Weg noch immer vor mir sehen, als wäre ich gestern dort gegangen. Die Stadt bleibt nicht stehen, doch in meiner Erinnerung verändert sie sich nicht. Vielleicht verlässt man einen Ort irgendwann, aber ein Teil davon begleitet einen weiter.


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