Von der Pferdebahn zur Flaniermeile
Es ist ein typischer Vormittag auf der Lister Meile in Hannover. Familien und Kinder flanieren durch die Fußgängerzone, ein Mädchen wird von ihrem Vater mit dem Schlitten gezogen, die 1,6 km lange Meile ist von einer leichten Schicht Schnee bedeckt. Geschäfte und Ladenlokale im Erdgeschoss öffnen und über die Seitenstraßen werden neue Waren angeliefert. Tische und Stühle werden über das rote Klinkerpflaster verteilt. In den Gründerzeithäusern brennen einzelne Lichter. Die kahlen Bäume stehen steif in der Kälte. Am anderen Ende der Meile bauen Händler die ersten Marktstände auf. Der Geruch von Fisch und mediterranen Spezialitäten liegt in der Luft. Ältere Menschen bleiben stehen und begegnen einander mit Freundlichkeit.
Doch früher war die Lister Meile, die sich vom Hauptbahnhof bis zum Lister Platz erstreckt, kein Ort zum Verweilen, sondern vor allem ein Ort zum Durchkommen. Die damals so genannte "Alte Celler Poststraße", später aufgeteilt in Celler Straße und Alte Celler Herrstraße, wurde Ende des 19. Jahrhunderts zur Pferdebahn umfunktioniert. Pferde zogen Wagen über Schienen durch die Celler Straße. Die nur leicht geschlossenen Wagen verbanden das ehemalige Dorf List mit der Innenstadt und wurden zugleich von Arbeitern, wie von Händlern und Familien genutzt.
Die Straße war ein Verkehrsweg und wurde nicht nur von Menschen, sondern auch von Tieren belagert, es roch nach Heu und Stall. Nur Jahre darauf wurde die elektrische Straßenbahn eingeführt. Der Verkehr verlief nun regelmäßig, schneller, moderner und lauter, mit weniger Ruhe. Menschen, Bahnen und andere Fuhrwerke, darunter Autos, Kutschen und Fußgänger; sie teilten sich die Straße. Es war dicht und die Gleise verliefen nur wenige Meter neben den Läden entlang. Frauen und Kinder gingen in Geschäfte, in Handwerksbetriebe oder Schulen, wie früher z.B. die Leibnizschule am Weißekreuzplatz, die 1943 bei einem Luftangriff auf Hannover zerstört wurde.
Mit Beginn des zweiten Weltkrieges veränderte sich das Leben auf der heutigen Lister Meile sehr, denn aufgrund des Mangels an Waren litten Geschäfte. Viele Häuser und Läden wurden beschädigt oder zerstört, es wurde stiller, denn die Menschen lebten in Angst und Vorsicht. Auch auf der heutigen Meile kam es während des Nationalsozialismus zu Verfolgungen der Bewohner:innen der Celler Straße. Zu ihrem Andenken wurden später Stolpersteine gesetzt. Am Anfang der Lister Meile, nahe des Raschplatzes befand sich für über ein Jahrhundert bis in die 1960er Jahre das Gerichtsgefängnis Hannover. Im Krieg diente es als Haftstätte für politische Gegner, Homosexuelle und Zwangsarbeiter. Heute steht an dessen früherem Standort das Kultur- und Kommunikationszentrum Pavillon und vor dem Eingang das Mahnmal an das Gerichtsgefängnis, welches durch seine Gitterstruktur Opfer politischer Verfolgungen, sowie, als erstes seiner Art, die Verfolgung Homosexueller würdigt.
In den Nachkriegsjahren, der Alltag kehrte langsam wieder zurück, verlor die Alte Celler Straße ihre Funktion als Hauptverkehrsanbindung durch neue Fernverkehrsstraßen. Außerdem mussten Häuserlücken gefüllt werden, zwischen den architektonisch durch den Jugendstil geprägten Häusern, findet man einfache Häuser aus den 50er und 70er Jahren. Andere nur leicht beschädigte Häuser wurden restauriert. In der List überwiegen gründerzeitliche Fassaden, Altbauten aus der Zeit um 1900 mit prächtigen Putzfassaden, Schmiedeeisen-Balkonen, Erkern und Halbsäulen.
In den 1960er Jahren entstand erstmals im Verlauf der Geschichte der Meile die Atmosphäre einer Einkaufsstraße, es eröffneten neue Läden, darunter auch Cafés. Jedoch war die Straße immer noch durch die Straßenbahn, Verkehr sowie Marktstände geprägt. Als der Verkehr zunehmend lauter wurde, fühlten sich Fußgänger und Kinder nicht mehr sicher, die Umgestaltung vom Verkehrsweg zur Fußgängerzone sollte den Einkauf, den Aufenthalt und die Sicherheit verbessern.
Nach einer langen Phase von Diskussionen über die Planung klaffte über fünf Jahre ein riesiges (Erd-)loch in der Meile. Zeitzeugen berichten, es verlief bis vor die Haustür und sie mussten zwischen Bauzäunen hindurchgehen, was den Alltag und das Leben auf der Straße erheblich erschwerte. Die Geräusche von Presslufthammern und Baggern prägten und begleiteten den Alltag. Die Straße begann sich zu verändern und Bewohner:innen und Passant:innen empfanden Vorfreude auf das neu entstehende Einkaufsviertel. Unterhalb der Meile fuhren von dort an die Straßenbahnen durch, die im Verlauf der Straße drei Stadtbahnstationen hat: Hauptbahnhof, Sedanstraße/Lister Meile und Lister Platz.
Kurz nach den Umbauten folgte die Einweihung des Pferdebrunnens, auch Körtingbrunnen genannt, ein markantes Wahrzeichen der Lister Meile und der Fußgängerzone. Seine Namensgebung erhielt der Brunnen von der angrenzenden Körtingstraße, die die Industriefamilie Körting ehrt und ebenfalls Teil der Fußgängerzone ist. Dessen fünf Skulpturen, in Form von Pferdeköpfen, erinnern an das Symbol von Niedersachsen. Heute dient der Körtingbrunnen als Treffpunkt und Spielstation für Kinder, zu dem angrenzenden Spielplatz der Körtingstraße.
Mit der Fertigstellung der Meile prägten Cafés, Läden, Marktstände und Menschen die Straße und machten diese zum Herzstück des Stadtteils, sie wurde zum Treffpunkt für die Nachbarschaft. Auf die Umbauten folgte die Umbenennung der Straße von der Celler Straße zur Lister Meile, welcher aus einem Wettbewerb entstand, als Teil der Mitte, des Stadtteils List und der Oststadt. Es betont den Charakter als Einkaufs- und Flanierstraße, sie signalisiert, dass diese Straße zum Bummeln, Verweilen und Einkaufen gedacht ist.
Ihre Namensgebung erhält die Lister Meile bei einer feierlichen Eröffnung mit Straßenfest. Von da an wurde die Straße ganz anders benutzt als zuvor. Da sie nun nicht mehr als Verkehrsweg genutzt wurde und keine Bahnen mehr durch die Straße rasten, sondern Fußgänger durch die Straße flanierten, war sie nun ein ruhiger Ort. Während früher in den Geschäften Handwerks-, Lebensmittel und Alltagswaren verkauft wurden, wie etwa im typischen Tante Emma Laden, treffen heute sehr vielfältige Läden aufeinander. Drogerien und viele Arten von Gastronomien, Fast Food und Restaurants, unter anderem Kioske und Apotheken, Konditoreien und Buchläden.
"Leuenhagen und Paris" etwa, der seinen Standort schon seit 60 Jahren auf der Lister Meile hat. Ladenbesitzer Dirk Eberitzsch berichtet: ,,Natürlich gab es immer mal einen Wandel und einige familiengeführte Geschäfte verließen die Meile. Aber zu den Gründern der Meile gehörte nicht nur unsere Buchhandlung, sondern auch Becker & Flöge, Rossmann und Möbel Hesse. […] Viele inhabergeführte Geschäfte sind aber auch durch attraktive Ketten, wie Edeka, Rewe, Tchibo und Gastronomie ergänzt worden, was der Lister Meile gut tat.“ Er erzählt weiter, dass eine Veränderung mit zu vielen Frisören und Dönershops stattgefunden hat. Der Wandel beträfe auch gerade den Teil, in dem sich seine Buchhandlung befindet. Hier soll die Fußgängerzone erweitert werden. Lösungen sollen unter anderem mit dem Oberbürgermeister gefunden werden, so dass positive Veränderungen wie am Weißekreuzplatz entstehen können.
Die Fischhalle Thürnaus hatte ihren Laden langjährig auf der Meile, früher zeigte ein Schild über dem Geschäft "Seit 1901", doch auf der Lister Meile verändert sich das Leben stetig. Das Geschäft war über ein Jahrhundert im Familienbetrieb der Thürnaus. Die Familie wohnte im Haus darüber, doch sie konnten die Miete, welche auf der Meile besonders hoch ist, nicht mehr bezahlen. Heute haben sie einen neuen Sitz in Kirchrode.
Was früher kleine Geschäfte mit vielen Stammkunden und persönlichen Beziehungen waren, ohne Konsum und mit viel Alltag, hat sich nun zu Cafés, Bäckereien, Ketten & Inhaberläden verändert, mit vielen unterschiedlichen kulturellen Einblicken und Events. Das Persönliche verändert sich mehr in die andere Richtung, die des Abhakens, Konsums und des Erledigens.
Die Lister Meile ist mehr als nur eine Einkaufsstraße, sie gilt als Ort, wo Menschen zusammenkommen. Unterschiedliche Feste ermöglichen das. In den Jahren nach dem Umbau etablierten sich neue Traditionen, so wie wir sie heute kennen. Durch den Wunsch, den Stadtteil zu beleben und die Einkaufstraße zu feiern, wurde 20 Jahre nach dem Umbau das Lister-Meile-Fest ins Leben gerufen, welches seitdem jährlich für viel Unterhaltung sorgt. Live-Musik, Bühnenprogramme und allerlei Stände ziehen bis zu 250000 Besucher an, ein Treffpunkt zum Feiern im Alltag.
Jeden Donnerstag Nachmittag frisch vom Händler, der Wochenmarkt, der seit 60 Jahren jede Woche auf der Lister Meile aufgebaut wird, ist Teil des Ganzen, es riecht nach unterschiedlichen frischen Leckereien, alte und neue Stände stehen Seite an Seite auf dem typischen roten Steinpflaster. Manche sind schon sehr lange dabei, andere gerade erst neu dazugekommen. Menschen aller Altersklassen schlendern oder eilen über den Markt. Eine ältere Dame mit Körbchen bleibt stehen und schaut sich die Auswahl an Angeboten an. Sie bezahlt: "Ein Euro zurück" - "Ich danke Ihnen" - "Ich danke Ihnen"! Hier begegnet man sich mit Freundlichkeit. Bekannte treffen aufeinander und unterhalten sich. Doch wer früher über den Wochenmarkt ging, kam nicht zum Schlendern, sondern zum Einkaufen, blieb doch aber oft stehen, zum Austauschen von Neuigkeiten.
Auch der Weihnachtsmarkt, der jährlich im Dezember die Straße mit feierlichen Ständen und Lichterketten schmückt, bringt dem ganzen Viertel ein wohliges Gefühl mit rein. Klein und groß schlendern mit Schmalzkuchen oder Crêpes in der Hand über den Weihnachtsmarkt. Überall trällert Weihnachtsmusik und das Fahren der Karussells ist zu hören, bei den Buden finden sich Gruppen zusammen und trinken Glühwein, hier spiegelt sich Gemeinschaft wieder.
Es könnte der Eindruck entstehen, Anwohnern und Anwohnerinnen ist der Trubel auf der Meile zu viel. Doch sie berichten: ,,Es ist der Standort zu wohnen, den ich mir immer gewünscht habe. Ich gehe aus dem Haus und habe alles direkt vor mir. Die Drogerie, Lebensmittelläden und Restaurants, sowie Blumenläden. Von hier ist es überallhin ein kurzer Weg: In die Stadt (Innenstadt), in die Eilenriede (Stadtwald) und zur Arbeit."
Der Verlauf der Geschichte der Lister Meile zeigt deutlich, dass sie sich immer wieder neu verändern wird. Kürzlich erst wurden kleine gelbe Bänke eingeführt, die den Zweck haben sollen, Gruppen dazu zu bringen, mehr zu interagieren und kleine Sitzgruppen zu bilden. Außerdem steht gerade eine Debatte an, wie die Fußgängerzone im mittleren Teil der Meile, bei der Sedanstraße, erweitert werden soll. Die Straßenmitte sollen die typisch roten Steinpflaster zieren, denn gerade befindet sich dort noch eine Straße, was für Missverständnisse sorgt und immer wieder Autos dort parken. In Zukunft stehen also noch weitere Veränderungen an, die sich darum bemühen, das Gemeinschaftsgefühl und die Traditionen beizubehalten.