Zwischen Flanieren und Konsum – Einkaufen in München heute
Es ist kurz nach fünf an einem Samstag. Die Menschen auf der Kaufingerstraße schieben sich auch am späten Nachmittag noch langsam vorwärts, Schritt für Schritt, getragen vom Geräusch raschelnder Einkaufstüten, Gurren der Stadttauben und dem Gemurmel hunderter Gespräche, die sich zu einem einzigen Stadtklang vermischen. Trotz des kalten Wetters bleiben viele Menschen vor den Schaufenstern stehen, vergleichen Preise und schauen sich um.
Zwischen Filialketten und Traditionsgeschäften zeigt sich, wofür Münchens Innenstadt noch immer steht: Einkaufen als sozialer Anlass. Nicht alle kommen mit einer konkreten Kaufabsicht, aber fast alle sind Teil eines Systems, das auf Konsum ausgerichtet ist. Auch eine 19-jährige Studentin äußerte mir gegenüber: „Ich komme gern hierher, auch wenn ich nichts kaufen will. Die Innenstadt fühlt sich einfach lebendig an.“ Dies bestätigt die Annahme, dass nicht alle mit einer bestimmten Kaufabsicht in die Münchener Innenstadt kommen. Manchmal ist auch ein spontanes Bummeln oder das Treffen auf einen Kaffee zwischen den Geschäften das Ziel.
Trotz Onlinehandel, steigender Mieten und daraus folgend leerstehenden Läden bleibt die Innenstadt ein Anziehungspunkt. Studien zeigen, dass der Einzelhandel weiterhin der wichtigste Grund für einen Besuch der Innenstadt, auch in München, ist. Laut der „Bayernstudie – Handelsstandort Innenstadt 2025“ kommen rund 75% der Befragten zum Einkaufen in die Innenstadt. Das macht den Handel zur wichtigsten Nutzung vor der Gastronomie, die zwei Drittel der Befragten angaben, dem Stadtbummel oder Treffen mit anderen (53,7 Prozent) sowie Arzt- und Gesundheitsdienstleistungen (52,4 Prozent).
Doch der Blick hinter die Zahlen zeigt ein differenzierteres Bild. Viele der Passantinnen und Passanten tragen zwar Einkaufstüten, doch ebenso viele gehen mit leeren Händen weiter. Sie lassen sich treiben, nutzen die Innenstadt zum Sehen und Gesehen werden, zum Verweilen, zum kurzen Innehalten im Strom der Menschen. Auf den Bänken rund um den Stachus sitzen Jugendliche mit Kaffeebechern, Touristengruppen orientieren sich an Stadtplänen, während ältere Münchnerinnen und Münchner gezielt ihre Wege zwischen Apotheke, Bäckerei und Buchhandlung zurücklegen.
Auffällig ist dabei der Wandel der Funktionen. Wo früher Kaufhäuser die hauptsächlichen Anlaufpunkte waren, sind es heute Cafés, Pop-up-Stores und Erlebnisformate. Der Aufenthalt in der Innenstadt nimmt in eine zunehmend bedeutende Rolle ein. Innenstadt bedeutet längst nicht mehr nur Versorgung, sondern auch Atmosphäre. Der öffentliche Raum wird zum Treffpunkt, zum Übergang zwischen Arbeit, Freizeit und Konsum genutzt. Gleichzeitig ist eine Spannung spürbar. Zwischen lebendigen Straßenzügen und heruntergelassenen Rollläden liegen oft nur wenige Meter. Die Frage, wie viel Handel, wie viel Gastronomie und wie viel öffentlicher Raum die Münchner Innenstadt künftig braucht, ist nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine gesellschaftliche.
Mein Weg führt mich weiter in das Olympia-Einkaufszentrum (OEZ). Es wurde bereits im Jahr 1972 eröffnet. Hier gibt es über 135 Geschäfte auf zwei Stockwerken. Im Inneren des Einkaufszentrums herrscht eine ruhige und entspannte Atmosphäre. Durch das Glasdach werden die breiten Gänge mit hellem Tageslicht beleuchtet. Das gemischte Publikum, das aus allen Altersgruppen besteht, bewegt sich langsam und gleichmäßig. Jedes Jahr kommen ungefähr neun Millionen Besucherinnen und Besucher in das OEZ. Es ist die meist besuchte Einkaufszentrum in Bayern, obwohl es nicht direkt in der Münchener Innenstadt liegt. Dieser Ort ist dank der guten Verkehrsanbindung sehr leicht zu erreichen. Man kann ihn sowohl mit der U-Bahn als auch mit dem Bus oder dem Auto besuchen. Die nahegelegene Autobahn A99 macht es besonders einfach, mit dem Auto hinzukommen. Das ist ein großer Vorteil gegenüber der Fußgängerzone im Zentrum, da man dann problemlos vor Ort parken kann.
Das OEZ bietet noch etwas, was in der Innenstadt immer seltener zu finden ist: einen Schutz vor Wetter, Verkehr und der Hektik. Auf der Kaufingerstraße herrscht oft Gedränge und es ist laut, während es im Einkaufszentrum sehr ruhig und geordnet zugeht. Die Atmosphäre im OEZ wirkt fast schon beruhigend. Es gibt klimatisierte Gänge und breite Passagen, die es den Besuchern leicht machen, sich zurechtzufinden. Alles ist sehr übersichtlich.
Wenn man sich im OEZ umsieht, fällt aber auch auf, dass nicht alles perfekt ist. Viele Geschäfte sind gut besucht, aber es gibt auch einige leere Ladenflächen. Manche werden nur für kurze Zeit als sogenannte Pop-up-Stores genutzt. Dies nimmt auch das Publikum war. Ein Mitte 40-jähriger Mann sagte zu diesem Thema: „Selbst die Geschäfte hier im OEZ sind ja auch keine lange Zeit mehr da. Immer mehr Traditionsgeschäfte gehen aus diesem großen Einkaufszentrum und werden von nur kurz bleibenden abgelöst. Das sehe ich als Problem!“
Im Zentrum gibt es einige Bereiche, die nicht so belebt sind. Auf den großen Plätzen in der Mitte sitzen Leute in den Cafés und genießen ihre Zeit. Familien gehen langsam vorbei und unterhalten sich. Nach der Schule treffen sich auch viele Jugendliche hier. Das zeigt, dass das OEZ nicht nur ein Ort zum Einkaufen ist, sondern auch ein wichtiger Treffpunkt für die Menschen.
Im Gegensatz zur Innenstadt steht hier aber der Konsum im Vordergrund. Die Fußgängerzone ist ein öffentlicher Raum, in dem man verweilen, flanieren und beobachten kann. Das OEZ hingegen ist mehr auf gezielte Einkäufe ausgerichtet. Die Wege sind länger und die Orientierung ist vorgegeben. Man verweilt hier nicht so spontan, sondern eher geplant.
Das OEZ erfüllt jedoch eine wichtige Funktion für viele Menschen. Viele Menschen meiden das Zentrum Münchens bewusst. Für Familien mit Kindern, ältere Menschen oder Berufstätige bietet das OEZ eine Alternative zur oft überfüllten Innenstadt. Es ist eine stressärmere Option, die es ermöglicht, einkaufen zu gehen, ohne von einer Menschenmenge überwältigt zu werden. Parkplätze sind vorhanden, es ist auch barrierefrei. Es gibt viele verschiedene Geschäfte, die man besuchen kann. Deshalb ist es ein attraktiver Ort, besonders an Tagen, an denen es regnet oder kalt ist.
Zwischen Münchens Stadtzentrum und dem Olympia-Einkaufszentrum besteht ein interessanter Gegensatz. In der Innenstadt findet man eine lebendige und historische Stadt mit vielen unterschiedlichen Seiten. Im Einkaufszentrum hingegen gibt es eine moderne und gut organisierte Einkaufswelt. Beide Orte stehen in einem gewissen Wettbewerb zueinander, aber sie erfüllen unterschiedliche Bedürfnisse der Menschen. Das Einkaufszentrum richtet sich sehr nach den Bedürfnissen und Vorlieben der Menschen, ohne Fahrwege einfach nebenbei schnell ein paar neue Klamotten kaufen ist für viele doch der einfachste Weg. Die „Shopping Puls“ Studie ergab, dass 38% der Deutschen den Großteil ihrer Einkäufe lieber online als im Geschäft kaufen. Als ein Hauptgrund wird hier vor allem die Bequemlichkeit genannt. Schon im Jahr 2015 prognostiziert das Institut für Handelsforschung (IFH), dass mindestens jedes zehnte Geschäft auf Grund des vermehrten Online-Handels schließen muss. Dies ist sowohl in Münchens Innenstadt als auch im berühmten Einkaufszentrum zu sehen. Die Frage bleibt, wie sich die Einkaufslandschaft in Münchens Zukunft entwickeln wird. Wird die Innenstadt mehr zu einem Ort zum Verweilen mit weniger Geschäften? Werden Einkaufszentren wie das OEZ immer wichtiger? Oder wird der Online-Handel die lokalen Geschäfte ablösen? Sicher ist nur eines: Einkaufen bleibt, in welcher Form auch immer, ein prägender Bestandteil des städtischen Lebens.