Zwischen Schnee und Streitfragen
Beim Regionalwettbewerb von „Jugend debattiert“ lernen Schülerinnen und Schüler der Ricarda-Huch-Schule Hannover, ihre Stimme zu finden und manchmal auch Geschichte zu schreiben.
Draußen fällt Schnee, drinnen Entscheidungen. Während sich in der Region Hannover am Morgen des 26. Januar die Straßen unter einer weißen Schneedecke verstecken, sitzen im Georg-Büchner- Gymnasium Seelze Jugendliche konzentriert auf ihren Stühlen. Vor ihnen liegen Zettel, allerdings keine Klassenarbeiten oder Arbeitsblätter, sondern Argumente. Die Hände sind noch kalt von draußen, doch die Gedanken glühen. Gleich beginnt sie, die erste Debatte des diesjährigen Regionalwettbewerbs von Jugend debattiert. Für einige von ihnen wird es der Moment sein, in dem sich entscheidet, ob sie ihre Nervosität besiegen können.
Im Raum für die erste Debatte der Sekundarstufe I ist die Anspannung spürbar. Leise Gespräche, letzte Blicke auf Notizen und angespannte Schultern. Noch einmal werden die Argumente im Kopf durchgegangen und mögliche Eröffnungsreden überlegt. Vor der Debatte, so wird es uns später noch jemand erzählen, sei die Aufregung am größten. Als die Debatte schließlich beginnt, wird die diese schnell von Konzentration abgelöst. Sachlich, strukturiert und erstaunlich souverän tragen die Jugendlichen ihr Argumente zum Thema vor: „Soll auf allen öffentlichen Plätzen in der Region Hannover kostenloses WLAN angeboten werden?“ Die Jury hört aufmerksam zu, das Publikum folgt gespannt. Hier geht es nicht um Lautstärke oder Schlagfertigkeit, sondern um Überzeugungskraft und klare Gedanken.
In der Pause nach der Debatte, noch bevor die Bewertung bekanntgegeben wird, ist die Anspannung einem, wenn auch vorsichtigen, aufatmen gewichen. Gespräche werden lockerer, es wird gegessen und vereinzelt auch gelacht. Jakob L. einer der Debattanten der Ricarda-Huch-Schule wirkt erleichtert. „Jugend debattiert ist eine Möglichkeit, meine Fähigkeiten auszubauen“, sagt er. Besonders gefällt ihm, neue Leute kennenzulernen und sich mit Themen zu beschäftigen, mit denen man im Alltag sonst nicht in Berührung kommt. Am liebsten mag er jedoch die Debatten selbst. Negatives fällt ihm zum dem Wettbewerb so schnell nichts ein.
„Vor der Debatte bin ich aufgeregter als während der Debatte“, sagt er. Sobald die Diskussion beginnt, übernehme die Routine. Wichtig seien vor allem eine gute Vorbereitung und ein selbstbewusstes Auftreten. Zum Debattieren ist er durch den Deutschunterricht gekommen. „Ich fand es so toll, dass ich weiter machen wollte“, erzählt er.
Dass Jugend debattiert an der Ricarda-Huch-Schule Hannover einen so festen Platz einnimmt, ist kein Zufall. Seit vier Jahren ist die Schule offizielle Jugend debattiert Schule, seitdem gehört der Wettbewerb fest zum Jahreskalender. Jedes Jahr bereiten sich die Schülerinnen und Schüler im Unterricht auf die Debatten vor, lernen Argumente zu strukturieren, unterschiedliche Positionen einzunehmen und auch unter Zeitdruck ruhig zu bleiben. Was dabei gelernt wird, geht über den Wettbewerb hinaus. Es sind Fähigkeiten, die im schulischen Alltag und darüber hinaus von großer Bedeutung sind.
Getragen wird Jugend debattiert dennoch vor allem, von dem Engagement der Lehrkräfte. Einer von ihnen ist Martin Harer, der den Wettbewerb heute als Juror begleitet. Für ihn bedeutet Jugend debattiert vor allem eins: „Eine große Chance für Schülerinnen und Schüler“. Die Schule habe sich bewusst für die Teilnahme entschieden und das Projekt über Jahre mühsam aufgebaut. Besonders motivierend sei für ihn die Fortbildung von "Jugend debattiert" gewesen, bei der er selbst debattieren durfte. „Ich habe gemerkt, wie viel Spaß das macht“, erzählt er mir.
Spannend sei es vor allem, die Entwicklung der Schülerinnen und Schüler zu beobachten, auch über mehrere Wettbewerbsjahre hinweg. Der Wettbewerb selbst sollte dabei nicht überbetont werden. Wichtiger seien eine gute inhaltliche Vorbereitung, klare Strukturen und effiziente Teamarbeit. „Mich motiviert am meisten, wie sehr Schülerinnen und Schüler durch den Wettbewerb wachsen“, sagt Martin Harer. An seiner eigenen Schule habe es Jugend debattiert früher nicht gegeben, umso dankbarer ist er heute für das Engagement seiner Kolleginnen und Kollegen an der Ricarda-Huch-Schule.
Schon ist die Pause vorbei und die Entscheidung der Jury steht fest: für Jakob L. reicht es trotz einer guten Debatte nicht für den Einzug ins Regionalfinale. Erfolgreicher lief es bei Klara L. und Frederike S., aus der Sek II, die sich mit einer überzeugenden ersten Debatte für das Finale qualifizieren können. Dort geht es um ein politisch sensibles Thema: „Soll die Veröffentlichung von Wahlumfragen im Vorfeld von Wahlen verboten werden?“ Die Debatte ist hochwertig, die Argumente präzise und das Publikum hört aufmerksam zu. Nach musikalischen Beiträgen und einer kurzen Pause steht das Ergebnis schließlich fest: Frederike S. gewinnt als erste Schülerin der Ricarda-Huch-Schule Hannover das Regionalfinale. Klara L. erreicht einen starken vierten Platz.
Draußen liegt immer noch Schnee. Drinnen werden Stühle gerückt, Zettel eingesammelt und Fotos für Homepages gemacht. Stimmen werden lauter. Der Wettbewerb geht zu Ende, doch für viele der Jugendlichen wirkt er nach. Was bleibt, sind nicht nur Platzierungen und Urkunden, sondern Erfahrungen: Das Sprechen vor Publikum, das strukturierte Denken unter Druck und das Zuhören, auch wenn man anderer Meinung ist.
Jugend debattiert hat an diesem Tag gezeigt, was politische Bildung leisten kann, wenn sie ernst genommen wird. An der Ricarda-Huch-Schule Hannover ist der Wettbewerb mehr als nur ein Projekt, er ist Teil einer Schulkultur, die Diskussionen zulässt, Argumente fordert und fördert. Dass mit Frederike S. erstmals eine Debattantin der Ricarda-Huch-Schule den Regionalwettbewerb gewinnt, ist ein besonderer Erfolg. Doch vielleicht ist der größere Gewinn ein anderer: Jugendliche, die gelernt haben, ihre Stimme zu finden und sie verantwortungsvoll zu nutzen.