Die Eilenriede - Erholungsort oder Rückzugsraum?
08:30 Uhr in der Eilenriede Hannover. Jogger überholen Spaziergänger. Ein Hund rennt quer durch den Wald. Auf dem Boden eine gerauchte Zigarette. Wenige Meter weiter ein Schild ,,Landschaftsschutzgebiet – Grüne Lunge“. Zwei Welten, ein Wald.
Wem gehört die Eilenriede nun – Mensch oder Natur?
Die Eilenriede ist mit circa 640 Hektar nicht nur doppelt so groß wie der New Yorker Central Park, sondern auch der größte Stadtwald Europas. Der Name leitet sich von den früher dort vorkommenden Erlen(Eilen) und dem sumpfigen Boden (Riede) ab. Und woher kommt die Bezeichnung ,,Grüne Lunge“? Der 655 Jahre alte Stadtwald von Hannover bietet eine Vielzahl an Baumarten, darunter Buchen, Eichen, Ahorn und Fichten. Ebenso vielfältig ist die Tierwelt: Rehe, Füchse, Hasen, Fledermäuse und zahlreiche Vogelarten haben hier ihre Heimat gefunden. Aber auch für Menschen gibt es einige Freizeit- und Erholungsmöglichkeiten. Es eignet sich perfekt für Spaziergänger, Jogger, Hundebesitzer und Radfahrer. Teiche, Liegewiesen, Spielplätze, Waldgaststätten, ein Hochseilgarten und ein umfangreiches Wegenetz ergänzen das Angebot.
Wie funktioniert aber das Zusammenleben von Tier/Natur und Mensch?
Bei einem Spaziergang durch die Eilenriede habe ich ein paar Passanten nach ihrer Meinung gefragt. Ein Hundebesitzer, der täglich den Wald besucht, erzählt mit Blick zur Markuskirche: ,,Mir gefällt am meisten die Stadtnähe und dass man hier etwas Ruhe inmitten des Chaos finden kann“. Er ist der Meinung, der Mensch sollte den Wald immer für Erholung und Klima nutzen dürfen, aber gleichzeitig sollte er auch auf die Natur achten, sodass Mensch UND Natur profitieren können. Zwei Spaziergängerinnen äußern sich: ,,Es gefällt uns besonders gut, dass es wirklich Stellen gibt, wo man keine Straßen sieht oder hört. Damit der Wald so bleibt und es weiterhin große grüne Flächen gibt, sollte der Mensch mehr Rücksicht auf die Natur nehmen.“ Eine weitere Hundebesitzerin ist ebenfalls der Meinung, der Mensch solle mehr Rücksicht nehmen. ,,Es gibt hier die Wege, doch viele laufen zwischen den Gewächsen quer durch. Mittlerweile gehört der Wald den Menschen und nicht mehr der Natur.“
Die Menschen scheinen sich also einig zu sein: Der Wald gehört zwar rechtlich den Menschen, aber sie sollten trotzdem auf Natur und Tiere Rücksicht nehmen und auch ihnen einen Rückzugsort in der Eilenriede bieten.
Während auf den Gehwegen diskutiert wird, was der Wald den Menschen bietet, gehe ich tiefer in den Wald hinein. Es wird leiser, keine Hunde mehr, keine Fahrräder. Nur der knirschende Schnee unter den Schuhen. Hier liegt die Waldstation. Hier sieht man die Debatte sicherlich mit ganz anderen Augen. Um zu erfahren, ob die Meinung der Experten wirklich so sehr abweicht und was sonst noch hinter den Kulissen im Wald passiert, habe ich der Waldstation Eilenriede ein paar Fragen gestellt. Schon bei der Frage nach den größten Konflikten zwischen menschlicher Nutzung und dem Schutz der Eilenriede, merkt man, dass die Antworten gar nicht so sehr voneinander abweichen. Die letzte Aussage der Hundebesitzerin zum Verlassen der Wege, erklärt das Team der Waldstation so: ,,Viele Waldbesucher verlassen die offiziellen Wege und so bilden sich Trampelpfade. Auf diesem verdichteten Boden wächst im wahrsten Sinne des Wortes kein Gras mehr. Diese Pfade sind für die Natur katastrophal und die Tiere des Waldes haben dadurch weniger Rückzugsmöglichkeiten." Wie alle zuvor befragten Passant*innen nennt auch die Waldstation den nicht beseitigten Hundekot und die Vermüllung durch den Menschen als Störfaktor. Das Team der Waldstation wünscht sich, dass der Mensch in der Hinsicht mehr Rücksicht nimmt und seinen Müll ordnungsgemäß versorgt.
Ein Problem, das den Passant*innen nicht direkt aufgefallen war, war das Fällen der Bäume. Die Waldstation erklärt :,,Für die Sicherheit der Menschen müssen in einigen Waldbereichen tote oder absterbende Bäume gefällt werden. Diese Bäume sind aber in der Regel naturschutzfachlich besonders wertvoll, da sie Lebensraum für eine Vielzahl an Tieren bieten.“ Jedoch werden in Wäldern außerhalb der Stadtgrenze sogar Altbäume gefällt, da sie Profit bringen. Das ist anders in Hannover: ,,Hier bleiben die Altbäume erhalten, da sie wertvollen Lebensraum bieten und die Menschen sich an diesen uralten Baumriesen erfreuen können.“ Während ich die Leitfrage stelle ,,Wem gehört der Wald denn nun - Mensch oder Natur?“ blickt das Team der Waldstation aus dem Fenster. Es riecht nach feuchter Erde und Harz. Im Hintergrund hämmert ein Specht. Schließlich antworten sie mit dem Blick in den Wald gerichtet: ,,Die Eilenriede gehört den Menschen und der Natur in gleichem Maße. Zwar verändert und beeinflusst der Mensch den Wald und die Natur, doch seitens der Landeshauptstadt Hannover wird streng darauf geachtet, dass die Naturschutzfunktion des Waldes einen großen Stellenwert hat. Ein Wald mitten im Zentrum einer Stadt kann niemals nur ein Schutzraum für Tiere und Pflanzen sein. Dass die Eilenriede ein wichtiger Erholungsort für die Menschen ist, soll auch so bleiben. Die Erholung muss dabei aber so gut es geht kanalisiert werden und die Menschen sollten ein naturverträgliches Verhalten beherzigen, um auch den zahlreichen Tieren und Pflanzen genug Platz zu lassen.“
Die Eilenriede gehört rechtlich der Stadt. Gefühlt gehört sie den Menschen. Doch letztlich gehört sie der Natur.
17:30 Uhr. Der Wald leert sich. Die letzten Jogger ziehen vorbei, ein Hund bellt noch einmal in der Stille. Dann wird es ruhig. Die Sonne geht unter. Der Wind weht durch die Wälder. Und ganz in der Ferne erkennt man einen Hasen, der aus dem Unterholz hervorkommt. Wenn man genau hinhört, nimmt man das Hämmern eines Spechts wahr. Zu dieser Stunde wirkt der Wald größer und ehrlicher. Tagsüber sind es die Menschen, die ihn füllen. Doch wenn es dunkel wird, die Wege sich leeren und die Tiere zurückkehren: Wem gehört er dann?