Das Gefängnis, das die Seele brechen sollte
Kalter Wind fegt über den Boden beim Anblick auf den weiten, kahlen Innenhof. Grauer Beton, Stacheldraht, vergitterte Fenster und ein deprimierendes Gefühl von Leere. Jeder Blick auf das Gebäude lässt spüren, dass hier nichts dem Zufall überlassen wurde.
Ich stehe vor dem ehemaligen Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen. Was früher ein Ort politischer Haft und Verhöre durch die Stasi war, ist heute eine Gedenkstätte - frei zugänglich, doch immer noch mit dem Gefühl, nicht mehr herauszukommen.
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Ein Gefängnis, von dem niemand wusste
Von außen wirkt alles unspektakulär. Plattenbauten, Straßen, ein Hauch Natur. Nichts macht den Anschein, dass hier Jahrzehnte lang Menschen inhaftiert waren, ohne Urteil, ohne Kontakt zur Öffentlichkeit, oft ohne, dass ihre Liebsten wussten, wo man war.
Zu DDR-Zeiten war Hohenschönhausen streng geheim. Es tauchte auf keiner Stadtkarte auf, erzählt unser Guide, der hier selber über Monate als Häftling einsaß. „Wer hierherkam, verschwand. Aus dem Alltag, aus der Öffentlichkeit, manchmal fast aus der Erinnerung seiner Mitmenschen.”
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Erster Anblick im Keller
Im Keller zeigt er uns die ersten Zellen aus den 1950er-Jahren. Sobald ich ihn betrete, spüre ich, wie ich am ganzen Körper Gänsehaut bekomme. Es ist kalt, still und es fühlt sich komisch an.
Niedrige Decken, farblose Wände, eine 1, 60 Meter lange Holzpritsche, ein Eimer. Keine Möglichkeit auf Tageslicht oder Frischluft, nicht mal auf Zahnbürsten, bis Ende 1950.
„Wir nannten diese Zellen "U-Boot", sagt unser Zeitzeuge. Abgetaucht, fern von menschlichen Bedingungen, einfach weg von allem.
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Der Weg in die Untersuchungshaft und zu den normalen Zellen
Wir betreten den kahlen Flur, vorbei an der Tür. Linoleum. Grelles Licht. Normale Türen. Ich wundere mich, wo ich gerade wirklich bin, bis ich am Ende des Ganges ein graues, stabiles Gitter sehe. Es kam mir im ersten Augenblick wie in einem Verwaltungsgebäude vor.
„Als man hier ankam, wusste man oft nicht, wo man gerade ist”, sagt er. Die Gefangenen wurden in fensterlosen Transportern hingebracht. Es waren kleine ,,Obst Transporter", in denen bis zu fünf Leute gleichzeitig transportiert wurden, in Zellen, die sogar für Kinder zu klein sind.
Hinter den dicken, grauen Gittern am Ende des Ganges verbirgt sich die Realität.
Auf beiden Seiten breite, nummerierte Zellentüren mit einem kleinen Zellenspion auf Augenhöhe.
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Friedliche Verhöre?
Die Vernehmerzimmer sehen harmlos aus. Ein Schreibtisch, Stühle, ein Schrank und Gardinen vor dem Fenster. Dieser Ort war nahezu gewaltfrei, berichtet unser Guide.
Die Stasi setzte auf ,,psychische Gewalt”. „Ihre Waffen waren Schlafentzug, Einzelzellen, Erpressungen, Drohungen gegen die Familie, immer wieder die gleichen Fragen und Verhöre zu nächtlichen Zeiten”, sagt der Mann, der es selbst durchmachte.
„Anderen Gefangenen wurde damit gedroht, dass ihre Kinder nicht mehr studieren dürfen oder die Frau ihren Job verliert. Irgendwann fragte man sich, wie lange man das noch aushält.”
Hinter den verschlossenen Schränken lagerten riesige Stapel an Protokollen, Beobachtungen und Einschätzungen.
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Alltägliche Einsamkeit
Die späteren Zellen wirken fast ordentlich. Linoleum. Hocker und Tisch. Holzpritsche. Toilette und Waschbecken. Ein vergittertes Fenster mit Milchglas. Dennoch ein komisches Gefühl im Bauch, beim Anblick durch den Zellenspion. Es sieht kalt und traurig aus.
„Die Einzelzelle war eine weitere Taktik zum Angriff auf die Psyche. Das war aber nicht das Schlimmste. Es war Ahnungslosigkeit. Wie lange bleibe ich hier? Was wissen die alles über mich? Wann ist mein nächstes Verhör? Geschieht meiner Familie etwas?”, erzählt der Mann.
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Wo Stimmen zurückkehren
Am Ende der Führung erzählt der Guide uns seine persönliche Geschichte ausführlicher. Wir sitzen in einem hellen Raum auf modernen, weißen Bänken. Alle hören gespannt zu. Er holt aus seiner Klarsichtfolie Fotos heraus, mit denen er seine Geschichte deutlicher macht.
Abschließend gibt er uns als Zeitzeuge mit, wie schnell ein Staat entscheiden kann, wer auf einmal ein Feind ist. Wie leise Freiheit verschwinden kann und wie nah Ungerechtigkeit wirklich ist.
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Berlin-Hohenschönhausen - ein Ort, der nie vergessen wird.