Versteckte Obdachlosigkeit- ein unsichtbares Leben

self-Logo 10.12.2025 Sidney Mertens

Als ich Bonnie treffe sitzt sie auf einem Stuhl im Fifty-Fifty Büro. Sie redet und lacht mit einem Sozialarbeiter von Fifty-Fifty, die Atmosphäre scheint sehr einladend. Es ist Nachmittags und draußen ist es dunkel und regnerisch. Sie spricht mich gleich an, als ich den Raum betrete, gibt mir die Hand und begrüßt mich lächelnd. Wir gehen in ein Hinterzimmer und setzen uns hin, bevor wir ein bisschen Smalltalk führen. Sie erzählt mir, dass sie Bonnie heißt und 41 Jahre alt ist, sie habe vor ein paar Wochen endlich eine Wohnung bekommen, weshalb es ihr ganz gut gehe.

Dies ermöglichte „Housing first“, ein in 2021 gegründetes Wohnprojekt, welches Obdachlosen ohne Vorbedingungen eine Wohnung gibt. Zusätzlich erhalten sie wohnbegleitende Hilfen. Michael Busch, Geschäftsführer von Thalia und Unterstützer des Projekts sagt dazu: „ Eine eigene Wohnung ist nicht alles, aber ohne eigene Wohnung ist alles nichts[….]“. 

Während wir sprechen kommt Lisa dazu, eine Mitarbeiterin von Fifty-Fifty. Auch sie begrüßt mich freundlich und bietet Bonnie und mir etwas von dem Gebäck auf dem Tisch an. Bonnie verzieht ihr Gesicht ein bisschen und erzählt ihr, dass sie Rückenschmerzen habe. Die beiden scherzen noch ein bisschen bevor wir weitermachen, wodurch eine sehr angenehme Atmosphäre entsteht.

Bonnie erzählt mir, dass sie vorher schon zweimal verheiratet war. Nachdem ihre letzte Ehe zu Bruch ging, landete sie wieder für ca. 1 Jahr auf der Straße, davor sei sie schonmal obdachlos gewesen. „Ganz am Anfang ging es dann los, kurz vor zwölf, und das ist keine Uhrzeit. Da war ich dann dreieinhalb Jahre auf der Straße“, erzählt sie mir.

Vielen Frauen geht oder ging es wie Bonnie. Gerade Frauen werden oft obdachlos, wenn sie von ihrem Partner beispielsweise wegen häuslicher Gewalt fliehen müssen. Da viele vorher von ihrem Partner finanziell abhängig waren, fehlen ihnen nach der Trennung die Mittel. 

Lisa erzählt mir von weiteren Problemen mit denen viele Obdachlose zu kämpfen haben wie Traumata, besonders aus der Kindheit oder psychischen Problemen.

Weiter erzählt sie, dass sie auch in Berlin Obdachlos war doch das würde sie nicht nochmal machen. Durch die Clan-Kriminalität und andere Faktoren sei es so gefährlich, dass sie dort alleine als Frau nicht nochmal so offensichtlich draußen schlafen würde wie in einem Zelt.


Gewalt auf der Straße

„Man schläft nachts sowieso nur mit einem Auge. Trotzdem ist man vor Überfällen nicht beschützt. Ist ja auch schon passiert, zum Beispiel sexuelle Übergriffe“, antwortet Bonnie als ich sie frage, wie es nachts draußen war. Sogar Essensausgaben können problematisch werden, wenn jemand einen auf dem Kicker hat und dann herausfindet wo man schläft. Bonny sagt, dass Ängste vor sexuellen Übergriffen bei beiden Geschlechtern vorkommen, besonders wenn man kleiner oder schmächtiger sei, bei Frauen seien sie jedoch allgegenwärtig. „Wenn drei Leute dich klarmachen wollen, dann machen sie dich auch klar. Dann machen sie dann meistens auch mit dir, was sie wollen, viele haben auch ein Messer auf der Tasche.“ Damit erklärt sie auch die versteckte Obdachlosigkeit. Für sie ist es weniger Scham und mehr Angst. „Es geht weniger ums verstecken, es geht mehr darum nicht gesehen zu werden, weil man dann Opfer wird.“, erklärt sie

Da man oft hört, dass Frauen, um eben nicht auf der Straße schlafen zu müssen, mit Männern schlafen, frage ich, wie geläufig sowas ihrer Meinung nach ist. Selber habe sie so etwas noch nie getan und würde so etwas auch nie tun. Sie habe jedoch auch oft Glück gehabt, wodurch sie nicht auf der Straße schlafen musste, sondern zum Beispiel bei Freunden unterkommen konnte. Lisa erzählt mir, dass dies jedoch nicht bei allen, so sei. Viele Klientinnen hätten schon solche Erfahrungen machen müssen. Bonnie sei jedoch sehr strukturiert. So schaffte sie es auch während ihrer Obdachlosigkeit bis heute (4 Jahre lang) ihren Job bei einer Messe Baufirma zu halten.

Um sich zu schützen, sagt sie, sollte man niemanden seinen Schlafplatz verraten, oder sich ein, zwei Menschen mitnehmen. Zusammen sei man sowieso immer sicherer. Auch eine Plane über dem Zelt und das Zelt versteckt zu halten sei hilfreich.

Ich frage sie ob sie auch Gewalt von Passanten erlebt habe. Sie erzählt, dass besonders in der Weihnachtszeit viele Leute gestresst sein, wodurch es öfter zu Konflikten komme. Sobald man sich auch zu etwas äußern würde, würde man als der Pöbler dastehen und es würde gesagt werden, dass man direkt beleidige, obwohl der gegenüber schon von Anfang an beleidigend gewesen wäre.

Konkret, sagt sie, sei die Gefahr, angegriffen zu werden, sexuelle Übergriffe zu erfahren und bestohlen zu werden. Dabei können Schäden wie der Verlust des Personalausweises entstehen, welcher nicht grade billig sei neu zu beantragen. Als wir über das Thema reden, merke ich immer wieder, wie Bonnie sich das ganze Gespräch an ihrer Nagelhaut kribbelt, als ob sie das Thema belastet, 

Zur traurigen Realität gehört, dass letztes Jahr circa 2200 Fälle von Gewalt und Obdachlosen gezählt wurden. Das sind circa sechs pro Tag. Unter den Städten mit den meisten Fällen ist auch Düsseldorf. Die meisten Opfer sollen laut Statistik männlich gewesen sein.


Tödliche Süchte

Weitere Plätze, an denen sie nicht geschlafen hätte, wären das Bahnhofsviertel oder der Worringer Platz, sagt sie. Durch neu nach Deutschland geschwemmte Drogen wie Fentanyl würden alle „durchdrehen“, was es noch gefährlicher mache. 

Das ständige Gefühl von Einsamkeit sei ihrer Meinung nach ein großer Faktor, wenn es um Suchtproblematiken geht. Sie sei ihren Angaben nach, nicht von einer Sucht betroffen, doch brauche vor und nach der Arbeit ein Bier.

Manchmal werden solche Problematiken auch durch den Einfluss anderer schlimmer, erzählt Bonnie.

Auch um sich warm zu halten, wird viel getrunken, jedoch viel Hochprozentiges, was Passanten auch abschrecken kann. Lisa und Bonnie sind sich jedoch beide einig, dass eben dieses Trinken oft zu einem schmalen Grad zwischen so betrunken, dass man nichts mehr fühlt und so betrunken, dass man nicht merkt, dass man stirbt, führt.

Ab und zu hört man von Leuten, die auf der Straße erfrieren, so auch bei uns in Düsseldorf. So erfroren Rudolf und Horst im Winter 2021 und Elvira N. 2017 am Ko(m)mödchen. 

Durch den Alkohol bekommt man oft nicht mit wie kalt ist es. Das ist gut, um die eiserne Kälte draußen auszuhalten. Jedoch merkst du auch nicht, wenn du erfrierst. Auch Drogen wie Fentanyl sind ein ernsthaftes Problem, laut der AOK ist Fentanyl für viele Todesfälle verantwortlich. Dazu sei es schon in kleineren Mengen tödlich dass es eigentlich nur bei starken chronischen Schmerzen oder zur Einleitung und Aufrechterhaltung einer Narkose eingesetzt wird.

Mich interessiert wie schwer es ist nüchtern zu bleiben auf der Straße.

Bonnie sagt, es sei möglich, auch nüchtern auf der Straße auszukommen jedoch betont auch Lisa noch mal, dass dazu die nötige Erkenntnis für die Suchtproblematik beziehungsweise für das Bestehen der Suchtproblematik essenziell nötig sei. Denn nur so könne man auch daran arbeiten. Eigener Wille und Mut sind auch sehr wichtig vor allem, wenn man einmal in der Spirale drin ist.

An sich muss laut Bonnie niemand draußen erfrieren. Jedoch vernachlässigt da zum Beispiel auch das Ordnungsamt seine Fürsorgepflicht und schaut bei Menschen nicht genug nach, ob diese noch bei Bewusstsein sind, bevor es zu spät ist.


Vertreibung anstatt Lösungen

Bonnie nennt das Ordnungsamt auch Obdachlosenschiekanierdienst (OSD). Sie und andere hätten sich oft schikaniert gefühlt, denn obwohl manche Kontrollen vielleicht rechtens war, gingen Beamte oft sehr brutal vor, wenn an diesem Tag schon was vorgefallen war oder sie gerade etwas gefunden hätten. So „pfefferten“ sie laut Bonnie, die Leute dann an die Wand oder an den Boden. Dazu würde auch verschiedenes Klientel in einen Topf geschmissen werden, was zu unnötiger Schikane von Unbeteiligten führe. Ihrer Meinung nach tuen sie dies nur, um Macht auf Schwächere auszuüben. Es gäbe auch Versuche Beamte, die dies verhäuft tun, vom Dienst befreit zu bekommen, doch diese sein vergebens. Bei anderen Themen würde sie sich jedoch auch von Polizei und Ordnungsamt geschützt fühlen.


Wohnungsnot, doch warum?

Doch auch andere Düsseldorfer Behörden machen den Obdachlosen nicht direkt Probleme, jedoch helfen Sie Ihnen auch nicht beziehungsweise setzen Regelung nicht durch. So gibt es ein Gesetz, welches besagt, dass Wohnungen nur 90 Tage pro Jahr als Ferienwohnung vermietet werden dürfen. Da die Stadt nicht sehr darauf zu achten scheint vermieten manche Vermieter diese jedoch ganzjährig, was zum Mieteinnahmen von bis zu 12.000 € im Monat führt. Mit dem Bündnis bezahlbarer Wohnraum ging Bonnie samt Presse zu so einem Airbnb, um auf den Missstand aufmerksam zu machen. Anschließend durfte sie sogar für zwei Tage dort einziehen. Im Nachhinein sagte sie jedoch, dass es ihr ein bisschen zu groß war, so ganz allein, weil sie das nicht mehr gewohnt war.

Auch obdachlosenfeindliche Architektur sei ein Thema. Sie selber hatte damit nicht allzu oft ein Problem, dass sie nicht an den Orten war und wo diese eingesetzt wurde. Sie kann zum Beispiel das Abbauen der Bänke am Worringer Platz verstehen, da dort viel gepöbelt wurde. Das ständige Vertreiben und Wegnehmen von Rückzugsorten von Obdachlosen versteht sie jedoch nicht. 

„Also seitdem das Carsch Haus weg ist, ist sowieso nichts mehr wie es war. Da hab ich meine ganze Jugend verbracht bis die das abgerissen haben. Da war ich keine 18 und nicht mal 16. Also die haben mir mein Zimmer geklaut und dann ging’s erst mal zum Grabbeplatz rüber.“

Die Treppen dort sind jedoch jetzt auch weg. Die ewige Vertreibung bringt laut Bonnie nur kurz was denn? Auf Dauer löst dies keine Probleme und hilft auch niemandem.

Artikel zu Bonnies Aktion mit dem Bündnis bezahlbarer Wohnraum

Hilfsangebote

Laut Bonnie gäbe es Hilfsangebote, jedoch nicht genug Plätze. Wenn man in Substitution sei, kriege man jedoch oft schneller einen Platz. Bei den Spenden findet man eigentlich immer etwas passendes und auch Hygieneprodukte sein, leicht zu bekommen. Es würden dazu drei Ärzte herumlaufen, die den Obdachlosen regelmäßig helfen, bei kleineren Sachen. Bei größeren Sachen gehe Bonnie immer zu ihrem Hausarzt.

Um Obdach zu finden seien laut Bonnie Hilfsangebote und Eigenmotivation essenziell. Auch Freunde und gute Kontakte können helfen, Bonnie sei da gut aufgestellt. Unsichtbar-E.v. sagt dazu, dass viele Obdachlose übersehen werden würden und ausgegrenzt würden, wodurch sie oft unter Isolation und Einsamkeit leiden. Ein großes Problem seien dazu falsche Freunde, die vorgeben würden einem zu helfen, nur um ihren eigenen Vorteil herauszuschlagen.

Schließlich frage ich Bonnie, welche kleinen Gesten ihr früher, als sie noch obdachlos war, geholfen hätten. Sie sagt, am besten sollte man vorher fragen, was die Obdachlose Person brauche, denn: „Manche Leute meinen es nett und beschenken einen zum Beispiel mit viermal Klopapier und zweimal Taschentüchern. Danach kannst du die aber selber verteilen, weil du es gar nicht mehr in den Rucksack rein kriegst.“

Auch Dinge wie Schmerztabletten könnten beispielsweise hilfreich sein. Was nicht hilfreich sei, wären manche gut gemeinten oder motivierenden Sprüche, die eher verletzend aufgefasst werden können. Vor allem, wenn es dem Betroffenen an dem Tag nicht gut geht.

Zuletzt appelliert sie noch, dass wir alle ein bisschen mehr aufeinander achten sollen. Vielleicht würden wir dann doch noch eine bessere Gesellschaft werden.


Promedia Maassen
19.12.2025 11:52 Uhr
Hallo Sidney, wir finden es sehr gelungen, wie du hier nicht nur die Problematik aufzeigst, sondern auch praktikable Lösungsmöglichkeiten vorschlägst. Auch wenn die gesamte Problematik schwierig ist und sich nicht einfach lösen lässt, zeigen deine Vorschläge, dass man zumindest helfen kann. Besonders gelungen ist, dass du das Thema anhand eines konkreten Beispiels darstellst: das macht den Text sehr anschaulich und nachvollziehbar. Liebe Grüße von Promedia Maassen Team

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