Franz Kafka und Gen Z´s Obsession mit seiner Person.
Wir lieben es, uns mit anderen zu vergleichen und verbunden fühlen zu können, und was gibt es besseres als unsere Emotionen mit jemandem zu teilen der so einen großen Einfluss auf unsere Literatur hat? Wenn ich genau so fühle, habe ich die Chance genau so bedeutsam zu sein wie er.
Franz Kafka und Gen Z´s Obsession mit seiner Person.
Vor einiger Zeit habe ich auf Youtube ein Video mit dem Namen: „why gen z is so obssesed with this author“ von „the Bubblie“ gesehen, und bevor ich es mir ansah wusste ich sofort um wen es geht. Franz Kafka, der wohl bekannteste -literarische- Name den meine Generation aus seiner Zeit kennt. Wer Kafka liest schmückt sich auf Tiktok und Pinterest mit den Lorbeeren eines philosophisch, tiefgründig denkenden Intellektuellen.
Auf Social Media ferndiagnostizieren User ihn mit Depressionen, daddy issues und einem Außenseiter-Syndrom, genau das gibt so vielen von uns das Gefühl ihn verstehen zu können und weckt somit bei vielen wahrscheinlich das erste Mal ein ehrliches Interesse an einer Person seiner Zeit.
Warum aber gibt es nun doch einige Meinungen wie die von „the Bubblie“ welche Gen Z´s Obsession mit Kafka als Overhype in Frage stellen?
Kafka wird idealisiert, seine Zitate werden hervorgehoben aber seine Geschichte bleibt dabei oft auf der Strecke -spätestens jetzt sollte ich erwähnen, dass ich nicht Kafka selbst kritisiere, auch nicht die verdiente Aufmerksamkeit die er bekommt, sondern die Art wie wir uns oberflächlich mit ihm identifizieren und teils sogar schmücken ohne seine Geschichte und Person wert zu schätzen- .
Franz Kafka wurde 1883 am 3. Juli in Prag als Sohn der Mutter Julie Kafka und dem Vater Hermann Kafka geboren. 1901-1906 studierte er zwei Semester Germanistik und danach Jura an der Deutschen Universität in Prag. 1904 wird sein frühst erhaltenes literarisches Werk „Beschreibung eines Kampfes“, welches vom Nachtleben Prags handelt und z.T. in Traumsequenzen übergeht, veröffentlicht. 1906 schloss Kafka dann sein Jura Studium mit einem Doktortitel ab und absolvierte darauf folgend Rechtspraxis am Prager Land- und Strafgericht. Zwischen 1908-1922 arbeitete Kafka teilweise sogar für das Königreich Böhmen. 1911 begann Franz Kafka einen Aufenthalt in einem Sanatorium aufgrund seiner Lungenerkrankung (einer — wie sich 1917 herausstellte— Tuberkulose). 1912 verfasste Kafka das heute weltberühmte Werk „Das Urteil“ durch welches er später große Aufmerksamkeit erhielt. 1913 folgte daraufhin seine erste öffentliche Lesung in Prag. 1914 verlobte sich Kafka erstmals, doch trennte sich noch im selben Jahr von seiner früheren Briefbekannten Felice Bauer. Nach Beginn des ersten Weltkriegs begann er das Schreiben am Werk „Der Prozess“. 1915 erhielt Kafka den Fontane-Preis und veröffentlichte weitere Werke. Darunter auch „die Verwandlung“, sein wohlmöglich heutzutage bekanntestes Werk. 1919 ergab sich nach einer zweiten Verlobung mit Felice Bauer nun eine Verlobung mit Julie Wohryzek (welche nebenbei nichts mit Büchners Woyzeck zu tun hat). Im selben Jahr verfasste Kafka den bekannten und historischen „Brief an den Vater“ und versuchte in diesem die familiären Probleme und das schlechte Verhältnis mit seinem Vater zu Papier zu bringen. Zwischen 1920 und 1923 schlossen sich weitere Veröffentlichung an, währen Kafka sich von Wohryzek trennte und mit Dora Diamant ein gemeinsames Leben begannt.
1924 verstarb Franz Kafka am 03.Juni mit nur 40 Jahren an den folgen seiner Erkrankung in Wien.
Erst nach seinem Tod folgt das, was Kafka zu dem macht was er heute ist. Max Brod, ein Freund welchen Kafka 1902 kennenlernte und Ihn im Laufe seines Lebens stetig bei seinen Veröffentlichungen unterstützte, sorgt 1925 dafür, dass Kafkas Werke (wie auch Tagebuchfragmente) entgegen seiner Verfügung publiziert wurden.
Franz Kafka war also eine Person, die nicht viel von sich gehalten hat, ein Mann der nie daran glaubte seine Werke wären es wert -sich sogar ganz im Gegenteil, dagegen stellte- veröffentlicht zu werden. Ein Mann der in seinen eigenen Unsicherheiten unterging. Egal ob „Der Prozess“, „Die Verwandlung“ oder „Die Gruftwächter“, Kafkas Werke waren nie zur Ergötzung oder Unterhaltung anderer gedacht, er schrieb sie für sich, in seiner Freizeit. Werke, die man je als einzelne Metaphern verstehen kann. Genau das ist der Grund, warum er so „relatable“ wirkt. Ein Werk wie „Die Verwandlung“ gibt uns allen das Gefühl, uns in Gregor Samsas verzweifelter Alltagslage wiederfinden zu können. Eine Person die seit Jahren in dem selben ermüdenden Job feststeckt oder ein Teenager der daran verzweifelt jeden morgen aufzustehen und in die Schule zu gehen. „Die Verwandlung“ ist nicht umsonst sein bekanntestes Werk, denn wir alle kennen das Gefühl von Schwere am Morgen, die man wohl als „Leere“ und einem Gefühl der „Unbedeutsamkeit“ eines kleinen Insekts in der großen Arbeitswelt der Menschen beschreiben könnte.
Nun stellt sich mir die Frage, stellen wir unser Ideal und unsere Vorstellungen über faktisches Wissen, um uns mit jemandem identifizieren zu können, ohne uns wirklich mit ihm auseinandergesetzt zuhaben? Möchten Leute womöglich absichtlich nicht beachten, dass er kein Philosoph seiner Zeit war und bei weitem nicht einmal daran gedacht hat, irgendwann einmal von so großer Bedeutung zu sein wie er heute ist, um sich ihr idealisiertes Bild aufrecht erhalten zu können?
Im Großen und Ganzen möchte ich also nicht anmuten, Kafka an sich kritisieren zu wollen und noch weniger möchte ich entmutigen oder es als fehlerhaft darstellen, dass Kafka in meiner Generation so viel Aufmerksamkeit bekommt, vielmehr möchte ich darauf hinweisen, was für eine Geschichte hinter den Zitaten auf Tiktok und Pinterest steckt und das beleuchten, was einen Autoren aus 1924 für die 16-24 jährigen heutzutage so interessant macht.
Kafkaesk, ein Adjektiv welches nach Kafka benannt wurde und im Grunde so etwas wie „merkwürdig“ und „verschachtelt“ bedeutet. Kafka war ein Außenseiter der im Laufe seines Lebens immer wieder versuchte sich anzupassen und einzufinden, doch stets vergeblich. Er begann ein Studium im Bereich der Chemie doch verwarf dieses -seinem Vater zu Liebe- für ein Jura Studium, an welchem er kein Interesse fand. Nur einer der womöglich tausenden Versuche seinem Vater zu gefallen. Das Verhältnis zu seinem Vater, die Prägende Problematik die man wieder und wieder in seinen Schriften findet. Wer „Brief an den Vater“ gelesen hat, bekam Einblick auf seine verzweifelten Versuche einen Platz in dem Herzen seines Vaters ergattern zu können. Es sind die Versuche zu gefallen, die darin gipfeln, dass Kafka sich -für seinen Vater- in Produktivität und Arbeit misst in denen wir uns wieder erkennen. Es ist die Einsamkeit die laut einer Studie von BBC namens „The Anatomy of Loneliness“ seit Jahren auf einem Allzeithoch -vor allem bei Jungendlichen im Alter von 16-24 Jahren- der wir uns zuordnen können. Es sind die Gedanken eines deutschsprachigen Juden der 1920 in Prag lebt und sich nirgendwo, nicht mal in seiner Familie zugehörig fühlt, und es sind die metaphorischen Bilder dieses Mannes, die im Internet von so vielen Millionen Menschen gefeiert werden. Millionen Menschen die paradoxer weise gemeinsam eine vergangene Persona feiern, die dessen Einsamkeit, verstanden fühlen lässt.
obsession- Bessesenheit
daddy issues- Vater Komplexe
overhype- Überbewertung
relatable- zuordenbar