Digitalisiert. Sozial isoliert? - Lehrerin erlebt Gen Alpha
„Zwischen Videospielgeräuschen, Tik-Tok Videos und gesenkten Köpfen fehlt mir ein essenzielles Geräusch, eine Unterhaltung“. Wenn Julia A. morgens aus dem Bus steigt, gibt es regelmäßig einen Zusammenstoß mit mindestens einem Schüler, der während des laufenden Videospiels den Bus hastig verlässt und wie ein Wirbelsturm alles und jeden umreißt.
Ein ähnliches Szenario findet sie um kurz nach acht in dem ersten Klassenraum vor, eine 6. klasse, in welcher sie deutsch unterrichtet. Die Schüler sind rund 2014 geboren, gehören folglich zur jüngsten Generation „Gen Alpha“. Schon die Gen Z war für sie und alle ihrer Kollegen ein enormer Umschwung. Tablets, Whiteboards, Smartphones, kabellose Kopfhörer.
„Meine Mama hat damals in den späten 50ern bis mitte 60er, noch auf Schiefertafeln geschrieben, bei mir gab es dann Stift und Papier.“ Nun sei alles anders. Ein großer Fortschritt in Technologie und Digitalisierung erzielte sich im letzten Jahrzehnt. Mit den Veränderungen mitzugehen ist sehr wichtig, jedoch bestätigen einige Studien von Lehrerverbänden oder der PISA Studie, dass der Einsatz digitaler Medien im Kindesalter mehr Nachteile bringt, als dass wir von ihnen profitieren können. Kinder lernen sich von externen Geräten bespielen und unterhalten zu lassen statt eine Eigenmotivation zu entwickelten. Selbstständigkeit wird nun hintenangestellt. Die eigene Fantasie zu nutzen und auszuprägen wird immer weniger analog gefördert und zunehmend abgelehnt. Dies birgt verschiedenste Auswirkungen mit sich. Unter anderem reduziert sich die Aufmerksamkeitsspanne deutlich, vor allem durch den Einfluss von sozialen Medien. Zudem leiden viele kinder heutzutage unter mangelnden sozialen Kompetenzen sowie häufiger unter Phobien, Angststörungen oder haben allgemein gesteigerte Schwierigkeiten bei der sozialen Integration.
Im Erwachsenenalter sind digitale Ressourcen von großem Vorteil. Dann sind alle kognitiven Fähigkeiten ausgebildet und können nun auch mithilfe von verschiedensten Technologien gefordert und ausgebaut werden. „Zuvor ist es wichtig die Grundlagen dafür überhaupt zu schaffen und zu stabilisieren.“ Dabei spielt die schulische Ausbildung eine besonders prägende Rolle und sollte aus der Perspektive einiger Lehrer die Nutzung digitaler Endgeräte reduzieren. Ideen für Konzepte seien geregelte „digitale Räume“ und angepasste Unterrichtseinheiten, die an die Technologien bildend heranführen.
Problematisch sei mittlerweile für viele Lehrer, dass analoge Lernmethoden meist abgewiesen werden und nicht den „Spaßfaktor“ vom digitalen lernen gerecht werden. Jedoch ist klar: das Schreiben auf Papier erzielt nachweislich bessere Ergebnisse.
Nachmittags leitet Julia A. zudem das zusätzliche Angebot „Lerncoaching“ an ihrem Gymnasium. Dort berät sie Schülerinnen und Schüler zur Verbesserung ihrer Lernfähigkeit und arbeitet mit ihnen individuell angepasste Strategien heraus, um effizienter lernen zu können. Oft stellt sich heraus, dass die Jugendlichen nicht länger als 5 minuten ein Arbeitsblatt aufmerksam lesen können, was den Lernprozess verständlicherweise stark beeinträchtigt. Die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne liegt mittlerweile bei etwas über 8 Sekunden, was sich stark auf den Anstieg an Popularität der sozialen Medien zurückführen lässt. Zahlreiche studien wie die „Accelerating Dynamics of Collective Attention“ der technischen Universität Berlin unterstreichen diese Entwicklung. Im Schulkontext wäre dies eine drastische Annahme und verunsichert viele Beamte.
An ihrem Feierabend besucht Julia A. zusammen mit ihrem Partner einen nahegelegenen Gasthof.
Schon wieder sitzt nebenan im Restaurant eine vierköpfige Familie mit zwei „Tabletkindern“. Die Eltern unterhalten sich energisch über den Klimawandel, während ihre Nachkömmlinge unbeeindruckt vor einem Tablet sitzen und auf ihr Essen warten. Die Konversation ihrer Eltern scheinen sie nicht mitzubekommen oder nicht zu beachten. Genauso wenig ist es ihnen möglich diese tolle Ambiente der Lokalität wahrzunehmen und aufzusaugen. Wie schön wäre es, wenn die Kleinen von der Veränderung des Wetters erfahren und ihre eigenen Meinungen zum anhaltenden Regen beitragen könnten. So würden die Zwei früh anfangen zu lernen, wie man sich eine eigene Meinung bilden kann. Außerdem würden sie in alltägliche Geschehnisse miteinbezogen werden, die sie ihr Leben lang begleiten werden.
Und nun werden diese zwei Kinder ihre zukünftigen Schüler. Wie soll es weitergehen?