Boxkampf mit Herz

self-Logo 09.12.2025 Nastasja Dreyer

Reportage

Ich komme ein paar Stunden vor dem Event an. Der Boxring steht wie gewohnt in der Mitte des Raums, jedoch ist die Atmosphäre heute anders. Heute wird er tatsächlich genutzt, kann das einer glauben?

Da ich noch nichts zu tun habe, setze ich mich auf einen der Stühle und lasse meinen Blick durch die Halle schweifen. Auf meinem Weg muss ich aufpassen, nicht auf einem den dutzenden Kabeln auszurutschen, die verteilt auf dem Boden liegen. Ich halte meine Kamera noch ausgeschaltet in der Hand. Der Abend hat eigentlich schon angefangen, bevor der eigentliche Kampf beginnt.

Ich sehe andere Kameraleute, die gestresst an einer Leiter stehen. Schon bei diesen ganzen Vorbereitungen merke ich, wie wichtig eine klare Struktur ist. Die Organisatoren sprechen die Abläufe mehrfach durch, immer wieder kontrollieren sie Details. Wer tritt wann an? Funktioniert das Mikrofon? Ist es zu laut oder zu leise?

Alle reden miteinander, aber ohne Druck. Trotzdem wirkt es, als gäbe es einen Plan, den alle befolgen, auch wenn er nirgendwo hängt.

Jeder muss wissen , was er zu tun hat, da vorallen der Veranstalter zu beschäftigt ist, um nochmal  jeden Schritt zu erklären.

Und falls doch plötzlich ein Kabel fehlt oder ein Mikrofon streikt, muss sofort eine Lösung gefunden werden. Diese ständige Flexibilität ist einer der Gründe, wieso das Event schon zum 7. Mal so erfolgreich läuft. Außerdem verleiht der Fakt, dass alle Einnahmen gespendet werden, dem ganzen nochmal eine andere Energie: Keiner ist für das Geld da, sondern jeder hilft mit, da es Spaß macht, Teil eines solchen Events zu sein. 

Alle Einnahmen werden nämlich a das Ambulante Kinderhospiz (AKHD) gespendet, wie auch bei den letzten Boxkämpfen, wobei schon beträchtlichen Summen zusammengekommen sind.

Es sind ein paar Stunden vergangen und langsam fangen die Leute an, reinzukommen. Ein bisschen durcheinander, reden, lachen. Ich bleibe kurz stehen und sehe ihnen zu, wie sie sich auf ihre Plätze begeben und sich aufgeregt umschauen. Nach einem längeren Gewusel wird es leiser und die Kämpfer werden im Ring vorgestellt. Manche von ihnen wirken nervös und ernst, andere sind gelassen und fröhlich, da sie es nicht zum ersten Mal machen.

Kurz vor Beginn des Kampfes tritt noch ein Musiker auf, die Spannung der Zuschauer wird weiterhin in die Länge gezogen. “Spiel jetzt mal was richtig Doghousemäßiges” sagt Leiter Aria Najafi dem DJ, während er den Abend im Ring einleitet. “Hypnotize” von Notorious Big dröhnt aus den Boxen, das Publikum laut am Mitsingen.

Doch jetzt beginnt der erste Kampf: Die Namen werden vorgelesen und die beiden Boxer treten heraus, jeder mit einem ausgewählten Introsong

Ich halte die Kamera, schaue nicht wirklich auf den Kampf selbst, sondern darauf, wie alles im Bild wirkt. Wie die Kämpfer sich bewegen, wie die Lichter fallen. Ich merke, dass ich mich konzentrieren muss, aber gleichzeitig versuche, die Stimmung so gut wie möglich einzufangen und auf den Ablauf um mich herum zu achten. Ich renne um den Ring herum um passende Bilder einzufangen, wobei ich flink sein muss, um niemandem die Sicht zu versperren, doch gleichzeitig auch ruhig mit der Kamera umgehen, damit dass Bild nicht verwackelt. So läuft das auch bei den weiteren Kämpfen und obwohl ich näher am Geschehen bin als jeder andere Zuschauer, kriege ich wenig von der Ring Action mit, sondern mehr davon, wie viel Akku meine Kamera noch hat und ob die Schärfe richtig eingestellt ist.

Auch in der Pause ist für mich nicht sofort ausruhen angesagt: Mit der Kamera schleiche ich durch die Menge und versuche die Stimmung der Menschen einzufangen.

Die meisten Leute sind offen und freuen sich, auf das Video zu kommen. Bevor es weitergeht, gibt es noch eine Versteigerung von signierten Trikots und Boxhandschuhen, wovon auch alles gespendet werden soll. „Wenn ihr hier mit euren dicken Uhren sitzt, könnt ihr auch etwas ordentliches bieten“

In der zweiten Hälfte der Kämpfe fokussiere ich mich nun mehr darauf, das Publikum aufzunehmen. Am meisten bemerke ich dabei die Zuschauer, die sich vom Rand aus selbst wie ein Trainer verhalten. Laute Zurufe und Tipps von allen Seiten. Ich frage mich, ob das für die Kämpfer nicht eher überfordernd ist als wirklich hilfreich.

Der letzte Kampf ist vorbei, die Musik spielt trotzdem weiterhin aus den Boxen. Für die Zuschauer und Kämpfer ist alles vorbei, sie gehen in den Hof und unterhalten sich. Aber wir sind noch lange nicht fertig. Kabel werden noch aufgerollt, Kameras eingepackt. Ich gehe durch die Halle und reflektiere auf den Abend. Der Kampf ist zwar vorbei, doch die Vorbereitung, die Organisation, das Aufräumen – das alles endet erst jetzt. Und irgendwie merkt man erst hier, wie viel Energie nötig war, damit alles so reibungslos aussah, und wie viel Leute hinter so einer Arbeit stecken.


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