Quelle: Kai Schwerdt https://www.flickr.com/photos/kaischwerdt/53826580465/ https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Zu früh, zu kalt, zu wichtig: Ein Protesttag in Gießen

self-Logo 09.12.2025 Charlotte Eisel

(Reportage)

LT zieht die Tür hinter sich zu, als Düsseldorf noch schläft. Es ist kurz nach zwei Uhr morgens, fast unheimlich ruhig. Er will anonym bleiben, erklärt er, deshalb nur sein Kürzel. Vor dem Haus wartet das gemietete Auto der Bezugsgruppe, warm vom Motor und vollgestellt mit Dingen, die man wahrscheinlich nicht in einem Rutsch erklären könnte: Warnwesten, Decken, Thermobecher, ein paar Brote, kartenspielgroße Zeitvertreibsideen.
Im Auto ist die Stimmung zunächst erstaunlich wach. Einige haben kaum geschlafen, andere trinken bereits nervös Kaffee. Es fühlt sich nicht sofort wie ein politischer Protesttag an, eher wie eine Mischung aus Nachtfahrt und anstrengender doppelter Mathestunde am nächsten Tag. Trotzdem weiß jeder, warum er hier sitzt.
Je näher sie Hessen kommen, desto ruhiger wird es. Fahrzeuge auf der Autobahn, die ähnlich wirken wie sie selbst, tauchen neben ihnen auf. Niemand spricht das aus, aber allen ist klar, dass viele denselben Ort ansteuern. Gegen fünf Uhr verschwindet die Nacht langsam. Das Licht des beginnenden Tages macht die Stimmung konzentrierter. Das Ziel kommt näher, und damit alles, was noch ungewiss ist.
Vor Gießen dann die Anweisung, die alles verändert. Die Autos dürfen nicht weiter. Für die Aktivistinnen und Aktivisten heißt das: die letzten zehn Kilometer zu Fuß. Die Gruppe steigt aus und sortiert ihre Sachen. Der Weg führt durch dunkle Landstraßen, begleitet von Taschenlampen und der Kälte, die durch jede Jacke zieht. Die Warnwesten reflektieren das Licht der Hinweisschilder, während der Himmel sich erst zögerlich aufhellt.
Während sie laufen, wird kaum gesprochen. Manchmal nur kurze Hinweise oder jemand, der sagt, dass der Rucksack drückt. Der politische Anlass rückt durch diesen Fußmarsch näher an den Körper. Man spürt die Müdigkeit, die Entfernung, den Aufwand. LT sagt später, dass dieser Weg mehr mit ihm gemacht habe, als er erwartet hatte, auch wenn er sachlich darüber spricht.
Als sie an den ersten Zufahrtsstraßen Gießens ankommen, ist es kurz nach sechs Uhr morgens. Die Stadt wirkt halb wach. Lieferwagen fahren an den Gruppen vorbei, die sich bereits gesammelt haben. Manche sitzen auf Decken, manche versuchen, Informationen auszutauschen, andere stehen einfach da und schauen, wie viele noch kommen.
Die Bezugsgruppe schließt sich einer kleineren Blockade an. Dort wird besprochen, wie Durchfahrten für Anwohnerinnen und Anwohner möglich bleiben und wie im Fall eines Krankenwagens reagiert werden soll. Die Stimmung ist ruhig, fast sachlich. Niemand will Stress erzeugen. Es geht ihnen darum, präsent zu sein und sich gegen die geplante Neugründung zu positionieren.
An diesem Ort bleibt es vergleichsweise entspannt. Von der Repression, die später an anderen Punkten beschrieben wird, bekommen sie wenig mit. Stattdessen teilen Menschen Tee, fragen sich gegenseitig, ob jemand friert, und versuchen, zu verstehen, wie der Rest der Stadt aussieht. Die Konzentration der Gruppen schwankt dabei zwischen Müdigkeit und dem Gefühl, Teil eines größeren Moments zu sein.
Ob die Gründung verhindert werden kann, ist unklar. Viele spekulieren darüber. Es wirkt, als wechselten Hoffnung und Realismus im Minutentakt. Manche bleiben trotzdem entschlossen, andere einfach geduldig. In jedem Fall trägt die Präsenz eine symbolische Bedeutung, die viele zu spüren scheinen.
Am Nachmittag wird der Rückweg angetreten. Die Gesichter sind erschöpft, aber nicht enttäuscht. Der Tag war lang, und der Marsch am Morgen steckt allen noch in den Knochen. Rückblickend sagt LT schließlich im O-Ton, dass er Potenzial für die kommenden Monate und Jahre sieht und dass er froh ist, wie viele Menschen sich an diesem Tag unter diesen Umständen der AfD entgegengestellt haben.
Auf der Rückfahrt nach Düsseldorf ist es still. Die Autobahn rauscht, und die Lichter ziehen vorbei. Der Tag hat etwas hinterlassen, das noch ein bisschen bleibt. Vielleicht das Gefühl, dass aus solchen Momenten etwas wachsen kann. Vielleicht auch nur die Gewissheit, dass man für etwas aufgestanden ist, obwohl es unbequem war.


Sid
12.12.2025 15:20 Uhr
hä?

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