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Der Aufschwung der rechten Szene in Deutschland

self-Logo 09.12.2025 Charlotte Eisel

(Kommentar)

Heimat, Tradition und Vaterland – Worte, die erst mal ganz normal klingen. Doch wer heute genauer hinhört, erkennt schnell, wie geschickt Begriffe instrumentalisiert werden, um ausgrenzende Ideologien zu verpacken. In sozialen Medien verschwimmen die Grenzen zwischen harmloser Nostalgie und rechter Propaganda. Dogwhistles, also kryptische Codes, die nur Eingeweihte verstehen, machen es möglich, extremistisches Gedankengut in scheinbar unverfängliche Posts zu kleiden. Dass ein Kiwi-Emoji plötzlich als transfeindliches Symbol fungiert, mag absurd wirken. Gefährlich wird es dann, wenn solche Zeichen innerhalb radikaler Szenen verbindliche Bedeutung entwickeln, und damit Normalität suggerieren, wo keine sein darf.
Rechte Positionen gehören in einer Demokratie selbstverständlich zum Spektrum. Doch dieses Argument wird zunehmend zum Schutzschild für Haltungen, die nicht konservativ, sondern antidemokratisch sind. Spätestens dort endet die Toleranzpflicht des Staates. Das gilt auch für Parteien, die sich auf ihre formale Legitimität berufen, während einzelne Funktionäre und Jugendverbände seit Jahren durch extremistische Tendenzen auffallen. Die Auflösung der „Jungen Alternative“ war keine politische Willkür, sondern die Konsequenz einer klaren Einstufung durch den Verfassungsschutz.
Nun also „Generation Deutschland“. Ein neuer Name, ein neuer Anstrich, und doch drängt sich der Verdacht auf, dass die personelle und inhaltliche Kontinuität größer ist als die Bereitschaft zur echten Erneuerung. Der Gründungstag am 29. November in Gießen zeigte dies eindrucksvoll. Während drinnen über Satzungen und Strategien diskutiert wurde, blockierten draußen hunderte Menschen die Zugänge und demonstrierten gegen eine Organisation, die sie für eine Fortsetzung rechtsextremer Jugendarbeit halten. Die Aktionen des Bündnisses Widersetzen verzögerten den Beginn um zweieinhalb Stunden und das friedlich, gewaltfrei, gut organisiert. Es war ziviler Ungehorsam im besten Sinne: ein Korrektiv dort, wo demokratische Kultur bedroht wird. Nicht nur linke Aktivist*innen sehen die Neugründung problematisch: „Der Thüringer Verfassungsschutz sieht bei der neu gegründeten AfD-Jugendorganisation Generation Deutschland Hinweise auf eine rechtsextreme Haltung“, schreibt eine Autorin der Zeit Anfang Dezember 2025.
Dass die AfD diesen Protest als „undemokratisch“ bezeichnete, ist entlarvend. Denn in einer offenen Gesellschaft gehört es zu den Grundrechten, laut zu widersprechen, wenn eine politische Strömung menschenfeindliche Inhalte normalisiert. Wer Kritik als „Verhinderungstaktik“ diffamiert, fürchtet nicht die Störung, sondern den Widerspruch.
Die Auseinandersetzung in Gießen steht sinnbildlich für einen größeren Konflikt: Rechte Gruppierungen arbeiten daran, ihre Positionen in die gesellschaftliche Mitte zu tragen. Gleichzeitig wächst der Widerstand all jener, die nicht bereit sind, die Verschiebung des politischen Koordinatensystems nach rechts hinzunehmen. Dass junge Menschen aus ganz Deutschland an einem frostigen Wintermorgen anreisen, um für Demokratie und Menschenrechte einzustehen, ist ein starkes Zeichen und vor Allem ein notwendiges.
Es reicht längst nicht mehr aus, rechte Symbolik zu entlarven oder extremistische Netzwerke zu beobachten. Die demokratische Zivilgesellschaft muss weiterhin sichtbar bleiben, laut bleiben, unbequem bleiben. Gießen war ein Anfang und noch lange nicht das Ende.


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