Reportage - Orthodoxes Leben in Deutschland
Fernbeziehung mit der orthodoxen Kirchen? — Eine Reportage über das orthodoxe Leben innerhalb Deutschlands
Es ist ein früher Sonntagmorgen nach dem Gottesdienst. Ich sitze im Kirchengebäude der Russisch Orthodoxen Kirche der Heiligen Barbara in Krefeld. An der Wand über mir blickt Christus Pantokrator auf mich herab, während die Kerzen flackern und der Duft des Weihrauchs sich verbreitet. Neben mir knirscht die Holzbank, auf der eine alte Frau mit ihren Komboskini betet. Ich warte auf meinen Diakon und je länger ich warte desto mehr bemerke ich jedes einzelne Detail in der Kirche. Von den Reliquien der Heiligen bis hin zu dem leisen Flüstern der betenden Männer neben mir. Der Gottesdienst war gut besucht in der prachtvollen Kirche. Ich habe meine Kamera eingeschaltet und mich zu Ingo, einem erfahrenen orthodoxen Diakon gesetzt. Ich möchte verstehen, wie die Orthodoxie in Deutschland gelebt wird, dazu hatte ich Ingo darum gebeten mir ein paar Fragen zu beantworten.
„Wie kann ich aktiv an einer Gemeinschaft teilnehmen, wenn die Gemeinschaft weit weg ist?“, fragte ich zu Beginn.
Ingo muss nachdenken, als ob Deutschland ein riesiges Land sei. „Ja, das ist natürlich nicht einfach“, sagt er. „Wir haben in unserer Diözese über ganz Deutschland verteilt ungefähr hundert Gemeinden. Das ist schon eine große Zahl, aber die nächste Kirche kann dennoch hundert Kilometer entfernt sein. Das passiert öfter, als man denkt.“
Doch was kann man tun, wenn man weit weg wohnt? Ingo erklärt ruhig:
„Natürlich kann man ein kirchliches Leben auch zu Hause führen, indem man betet, Gottesdienste online verfolgt oder Texte von orthodox.de nutzt. Man kann mit Priestern telefonisch oder über das Internet in Kontakt bleiben. Aber für gewisse Dinge muss man einfach in die Kirche kommen, z.B. für die Beichte oder für die Kommunion.“ Deshalb sei es wichtig, sagt er, dass Gläubige trotz der Distanz ab und zu anreisen, vielleicht einmal im Monat oder alle sechs Wochen. „Manchmal kann man auch in ein Kloster fahren. Dort kann man übernachten und alles tun, was notwendig ist: an der Liturgie teilnehmen, beichten, kommunizieren. Es ist nicht einfach, aber man muss es irgendwie in sein Leben einrichten.“
Ich nicke und stelle meine nächste Frage:
„Wie kann ich die Liturgie tief erleben, wenn ich die Kultur dahinter nicht gespürt habe?“
Ingo schmunzelt. „Viele unserer Gemeinden bestehen aus Zuwanderern aus orthodoxen Ländern. Das bedeutet, dass Liturgien oft in den Sprachen der Herkunftsländer stattfinden. Schön ist es natürlich, wenn man eine zweisprachige Gemeinde findet, was nicht mal so selten ist. Es gibt mittlerweile auch Literatur, die die Gottesdienstabläufe parallel darstellt, das hilft sehr.“ Kultur und Glaube seien zudem eng miteinander verwoben. „Wer orthodox glaubt, öffnet sein Herz. Es lohnt sich also, sowohl eine deutschsprachige Gemeinde zu finden als auch die Kultur der jeweiligen Kirche kennenzulernen. Beides zusammen vertieft das liturgische Erleben.“
Schließlich spreche ich eine Frage an, die weit bekannt ist:
„Wie sollen wir orthodoxe Christen mit anderen Kirchen umgehen?“
Ingo lehnt sich nach vorne. „Da gibt es konkrete Regeln. In der russisch orthodoxen Kirche wurde vor etwa zwanzig Jahren ein Dokument eingereicht, das die Beziehung mit anderen Konfessionen beschreibt. Einerseits sind andere Christen natürlich auch Christen. In einer säkularen Gesellschaft leben wir zudem neben vielen Religionen.“ „Andererseits müssen wir aber aufpassen“, sagt er, „dass wir den orthodoxen Glauben nicht vermischen. Wir dürfen Fehlentwicklungen anderer Kirchen nicht übernehmen. Deshalb ist es wichtig, klarzustellen, was die orthodoxe Position ist.“ Er verweist auf konkrete Grenzen: „Es ist verboten, die Kommunion in anderen christlichen Kirchen zu empfangen. Auch gemeinsames Beten ist ein zweischneidiges Thema – da gibt es Abgrenzungen, was geht und was nicht. Deshalb sollte man sich die offiziellen Dokumente anschauen, dort ist alles genau geregelt.“
Dann stelle ich die Frage, die viele Gläubige beschäftigt:
„Wie kann ich die orthodoxe Fastenzeit in meinen Alltag einbringen?“
Ingo denkt konzentriert nach. „Ein orthodoxer Christ fastet im Jahr mehr, als er nicht fastet“, sagt er. Mittwochs und freitags, 40 Tage vor Ostern, 40 Tage vor Weihnachten, das Apostelfasten, das Mariäfasten und weitere Tage. Fasten hat zwei Seiten: eine körperliche und eine geistliche. Körperlich bedeutet Verzicht auf tierische Produkte, aber abhängig von Gesundheit und Lebenssituation. „Krankheit, Schwangerschaft oder Diabetes, das alles muss berücksichtigt werden.“, sagt er. Aber der geistliche Aspekt sei wichtiger: „Dass man mehr betet, christliche Literatur liest, Gottesdienste besucht. Dass man vielleicht das Fernsehen auslässt, das Handy weglegt."
„Wie kann man orthodoxe Identität beibehalten, aber mich gleichzeitig integrieren?“, fragte ich.
Ingo erklärt Integration als etwas Bedeutendes: Beziehungen pflegen, Kommunikation suchen, die Sprache lernen und die gesellschaftlichen Strukturen verstehen. „Das gehört alles zur Integration.“ Orthodoxe Identität heißt aber auch, „Gott ganz oben zu sehen“, die Gebote einzuhalten und nach der Bergpredigt zu leben. Bestimmte gesellschaftliche Trends müsse man bewusst abgrenzen. Halloween nennt er als Beispiel. „Wenn andere sehen, dass wir ein Leben der Liebe führen, dann entwickeln sie Achtung. Und das stärkt unsere Identität.“
Ich stelle die letzte Frage:
„Wie setzen Sie Ihren Glauben um und hatten Sie jemals langfristige Schwierigkeiten?“
Ingo lächelt. „Die größten Schwierigkeiten hat man mit sich selbst“, sagt er. „Man ist geneigt, ein bequemes Leben zu führen. Keine Askese, keine Mühe. Das Innere zu ordnen. Das ist die erste Herausforderung.“ Dazu kommt gelegentlich Unverständnis von außen. „Andere fragen: ‚Warum machst du das?‘“ Seine Antwort darauf ist nicht Druck, sondern Geduld. „Erklären, nicht missionieren. So wächst Verständnis, vielleicht sogar Anerkennung.“
Als ich die Kamera abschaltet, verabschieden wir uns. Ingo hat viel erzählt: von Entfernungen, Fasten, Kultur und inneren Kämpfen. Ich bedanke mich, Ingo ebenso.
Orthodoxes Leben innerhalb Deutschlands. Eines wird klar: Es ist nicht unmöglich, aber herausfordernd!